Sachsenhausen: Äppelwoi, Grüne Soße & Museen
„Dribbdebach“ südlich des Mains treffen urige Apfelweingassen auf eine der dichtesten Museumsmeilen Europas. Ein Streifzug von Alt-Sachsenhausen über den Schaumainkai bis zu den Kräuterfeldern von Oberrad.
Wir Frankfurter teilen unsere Stadt in „hibbdebach“ und „dribbdebach“ – diesseits und jenseits des Mains. Sachsenhausen ist das große „Dribbdebach“, der Stadtteil südlich des Flusses, und wenn ich Besuch aus dem Ausland habe und nur einen Nachmittag Zeit, gehe ich mit ihm hierher. Kein anderes Viertel erzählt Frankfurt so vollständig in einer einzigen Runde: auf der einen Seite das Kopfsteinpflaster von Alt-Sachsenhausen mit seinen Apfelweinwirtschaften, auf der anderen die Museumsmeile am Ufer, eine der dichtesten Kulturlandschaften Europas. Zwischen Bembel und Bildung liegen nur wenige Gehminuten – genau dieser kurze Weg macht für mich den Reiz des Stadtteils aus. Kommen Sie mit auf einen Streifzug, vom Fluss bis hinaus zu den Kräuterfeldern am Stadtrand.
Alt-Sachsenhausen: zwei Gesichter auf einem Pflaster
Das historische Herz des Viertels ist Alt-Sachsenhausen, das älteste Stück südlich des Mains. Rund um die Klappergasse, die Große Rittergasse, die Dreieichstraße und den Frankensteiner Platz drängen sich Fachwerk- und Bruchsteinhäuser an enges Kopfsteinpflaster – ein mittelalterlicher Grundriss, den man in der ansonsten sehr modernen Bankenstadt kaum vermutet. Mittendrin steht der Kuhhirtenturm, der letzte erhaltene Turm der alten Sachsenhäuser Stadtmauer. Er wurde um 1390 errichtet, verdankt seinen Namen dem Stadthirten, der von hier aus das Vieh zur Weide trieb, und beherbergte von 1923 bis 1927 den Komponisten Paul Hindemith, der im Obergeschoss unter anderem seine Oper „Cardillac“ schrieb. Seit 2011 ist der Turm eine Gedenkstätte der Hindemith-Stiftung – ein stiller Kontrapunkt zum Trubel ringsum.
Denn Alt-Sachsenhausen hat zwei Gesichter. Tagsüber ist es ein beschauliches, fast verträumtes Gassengeviert, in dem man in Ruhe fotografieren und die Wirtschaften auf ihre Öffnung warten sehen kann. Nach Einbruch der Dunkelheit verwandeln sich einige Gassen in das lauteste Ausgehviertel der Stadt – das „Ebbelwoi-Viertel“, das nach dem Krieg auch durch die hier stationierten amerikanischen Soldaten bekannt wurde. Wer die traditionelle, gemütliche Seite sucht, kommt am besten am frühen Abend oder unter der Woche und meidet die reinen Partygassen.
Äppelwoi: Frankfurts flüssiges Wahrzeichen
Kein Sachsenhausen-Besuch ohne „Äppelwoi“. Der herbe, leicht saure Apfelwein wird traditionell im grau-blauen „Bembel“ auf den Tisch gestellt und aus dem „Gerippten“ getrunken, einem geriffelten Glas, dessen Rauten das Glas früher in fettigen Fingern nicht abrutschen ließen. Ich halte mich hier bewusst kurz, denn dem Getränk selbst und den besten Lokalen widme ich eigene Beiträge: Wie Apfelwein entsteht, warum er Frankfurts Nationalgetränk ist und wie Sie „sauer gespritzt“ oder „süß gespritzt“ bestellen, lesen Sie in meinem Porträt des Apfelweins. Welche Wirtschaften ihr Handwerk noch ernst nehmen, steht in meinem Guide zu den besten Apfelweinkneipen. Und wer die Kneipen lieber im Vorbeifahren erleben möchte, steigt in den nostalgischen Ebbelwei-Express, die bimmelnde Apfelwein-Straßenbahn.
Grüne Soße: Frankfurts grünes Heiligtum
Was in Sachsenhausen auf den Teller kommt, ist ebenso Kult wie das, was ins Glas kommt. Die berühmteste Frankfurter Spezialität ist die „Grie Soß“, die Grüne Soße – eine kalte Sauce aus sieben Kräutern: Borretsch, Kerbel, Kresse, Petersilie, Pimpinelle, Sauerampfer und Schnittlauch. Diese sieben und keine anderen. Angerührt werden sie fein gehackt mit Schmand, saurer Sahne oder Joghurt, oft mit hartgekochten Eiern verfeinert, und dann kühl serviert – klassisch zu Pellkartoffeln und Eiern oder zu gekochtem Rindfleisch (Tafelspitz). Frisch, würzig und herrlich unkompliziert.
Wie ernst es die Frankfurter mit ihrer Soße meinen, zeigt der rechtliche Status: Seit 2016 ist die „Frankfurter Grüne Soße“ als geschützte geografische Angabe der EU eingetragen. Den Namen darf offiziell nur tragen, wessen Kräuter in der festgelegten Herkunftsregion – Oberrad und einige Nachbargemeinden – von Hand angebaut und gebunden werden und bei dem kein einzelnes Kraut mehr als 30 Prozent der Mischung ausmacht. Traditionell beginnt die Saison am Gründonnerstag vor Ostern. Der Soße, ihren sieben Kräutern und dem Festival habe ich einen eigenen Grüne-Soße-Guide gewidmet, wenn Sie die ganze Geschichte möchten.
Das eigentliche Herkunftsland der Kräuter liegt gleich östlich von Sachsenhausen: das Gärtnerdorf Oberrad, wo die sieben Kräuter bis heute in innerstädtischen Feldern angebaut werden. Dort steht auch mein liebster kulinarischer Geheimtipp für einen Spaziergang – das Grüne-Soße-Denkmal der Künstlerin Olga Schulz, 2007 eingeweiht: sieben kleine, gewächshausartige Bauten aus Polycarbonat, jeder in einem anderen Grünton, für jedes der sieben Kräuter einer. Es liegt frei zugänglich am Rand der Oberräder Kräuterfelder nahe Kochstraße und Speckgasse, und kurz nach Sonnenuntergang leuchten die Häuschen von innen – durch das grüne Glas schimmert dann die Skyline. Ein schöner, kaum bekannter Ort.
Das Grüne-Soße-Festival
Einmal im Jahr wird die Soße groß gefeiert – kurioserweise nicht in Sachsenhausen, sondern „hibbdebach“ auf dem Roßmarkt in der Innenstadt. Beim Grüne-Soße-Festival treten rund 56 Gastronomiebetriebe mit ihrer Version an, und das Publikum kürt in einem Wettbewerb die beste Soße der Stadt; dazu gibt es Abendshows und den traditionellen Auftakt, bei dem Gärtner die sieben Kräuter live zu Sträußchen wickeln. 2026 läuft das Festival vom 2. bis 9. Mai (der Festmarkt startet schon Ende April). Wer im Frühjahr in Frankfurt ist, sollte den Sprung über den Main wagen.
Das Museumsufer am Schaumainkai
So bodenständig die eine Seite Sachsenhausens ist, so hochkulturell ist die andere. Entlang des Schaumainkais, der Uferstraße direkt am Main, reihen sich auf wenigen hundert Metern rund ein Dutzend Museen aneinander – das berühmte Museumsufer, einer der bedeutendsten Museumsstandorte Europas. Zu den Häusern gehören unter anderem das Städel Museum (Schaumainkai 63) mit Kunst vom Mittelalter bis zur Gegenwart, direkt benachbart das Liebieghaus mit seiner Skulpturensammlung, das Museum Angewandte Kunst, das Deutsche Filmmuseum (DFF), das Museum für Kommunikation, das Weltkulturen Museum, das Deutsche Architekturmuseum sowie kleinere Häuser wie das Ikonen-Museum und das Bibelhaus.
Mein Rat aus Erfahrung: Versuchen Sie nicht, alles an einem Tag zu schaffen – das überfordert und macht keinen Spaß. Suchen Sie sich ein, zwei Häuser aus, die Sie wirklich interessieren, und lassen Sie sich Zeit. Welches Museum zu welchem Interesse passt, welche Tickets es gibt und wie die Frankfurt Card hilft, habe ich ausführlich in meinem Beitrag zum Museumsufer und zum Städel aufgeschrieben. Ein hübsches Extra am Rande: An Samstagen (im Wechsel mit einem Standort im Ostend) breitet sich am Schaumainkai zwischen Eisernem Steg und Holbeinsteg der Flohmarkt aus – Stöbern mit Skyline-Blick.
Museumsuferfest
Der Höhepunkt des Kulturkalenders ist das Museumsuferfest am letzten Augustwochenende, 2026 vom 28. bis 30. August. Dann verwandeln sich beide Mainufer in eine riesige Festmeile mit über 25 beteiligten Museen, mehr als einem Dutzend Bühnen und rund 400 Ständen; Hunderttausende feiern drei Tage lang. Den Abschluss bildet traditionell ein musikalisch begleitetes Feuerwerk über dem Main – 2026 am Sonntagabend zwischen Holbeinsteg und Untermainbrücke. Wer in dieser Zeit in Frankfurt ist, sollte unbedingt vorbeischauen, sich aber auf Gedränge einstellen.
Die Schweizer Straße: bummeln und genießen
Wer es ruhiger mag als am Ufer, biegt in die Schweizer Straße ein, die zentrale Einkaufsstraße Sachsenhausens. Auf gut einem Kilometer verbindet sie das Museumsufer im Norden über den Schweizer Platz mit dem Südbahnhof im Süden. Spätklassizistische Wohn- und Geschäftshäuser und viele Straßenbäume geben ihr bis heute ein besonderes Flair. Anders als die große, betriebsame Zeil auf der anderen Mainseite ist die Schweizer Straße gehoben und gemütlich: viele inhabergeführte Läden, Feinkost, Cafés und Restaurants, in denen man entspannt eine Pause macht. Für mich ist sie eine der angenehmsten Straßen der Stadt zum Flanieren – und die perfekte Brücke zwischen einem Museumsvormittag und einem Apfelweinabend.
Am Main: der Eiserne Steg und das Ufer
Verbindungsstück zwischen den beiden Frankfurter Ufern ist der Eiserne Steg, die rund 170 Meter lange Fußgängerbrücke, die seit 1868/69 die Altstadt mit Sachsenhausen verbindet (nach der Sprengung im Zweiten Weltkrieg 1946 wieder aufgebaut). Von hier haben Sie den klassischen Postkartenblick auf die Skyline. Auf der Sachsenhäuser Seite lädt die Uferpromenade zum Spazieren ein – im Sommer ist das Mainufer einer der beliebtesten Treffpunkte der Stadt, an warmen Abenden sitzen die Frankfurter hier einfach am Wasser. Wer mehr Grün sucht, findet im Süden des Stadtteils ausgedehnte Wald- und Parkflächen, in denen man dem Trubel komplett entkommt.
So kommen Sie hin – und weiter
Sachsenhausen ist bestens angebunden, und je nachdem, was Sie zuerst sehen wollen, steuern Sie eine andere Station an:
- Zu Fuß: Vom Römer über den Eisernen Steg sind Sie in wenigen Minuten am Museumsufer – der schönste Zugang.
- Museumsufer & Schweizer Straße: U-Bahn U1, U2, U3 und U8 bis Schweizer Platz; oben halten außerdem die Straßenbahnen 15, 16 und 19.
- Alt-Sachsenhausen: am nächsten liegen die Tram-Haltestellen Frankensteiner Platz und Lokalbahnhof; von dort sind es nur wenige Schritte in die Gassen.
- Südbahnhof (Frankfurt Süd): der große Knoten im Stadtteil – hier treffen S-Bahn, U-Bahn (U1/U2/U3/U8), mehrere Tramlinien sowie Regional- und Fernzüge zusammen. Ideal, wenn Sie von außerhalb anreisen.
Vom Auto rate ich wie fast überall in Frankfurt ab: Parkplätze sind rar, und die kurzen Wege lassen sich zu Fuß und mit der Bahn viel entspannter zurücklegen.
Sachsenhausen ist Frankfurt im Kleinen – und der Reiz liegt in seinen Widersprüchen: hier das mittelalterliche Pflaster und der Bembel, dort die Weltkunst am Ufer; hier das Gärtnerdorf mit seinen Kräuterfeldern, dort die Skyline im grünen Gegenlicht des Denkmals. Mein liebster Tag beginnt vormittags in einem Museum am Schaumainkai, führt über einen Bummel durch die Schweizer Straße und am Main entlang und endet abends bei einem Bembel Äppelwoi und einem Teller Grüner Soße in einer der ruhigeren Wirtschaften. So erleben Sie beide Gesichter des Viertels an einem einzigen Tag – und verstehen, warum wir „dribbdebach“ so gern über den Fluss kommen.
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