Frankfurts Stadtteile: Der große Überblick
46 Stadtteile, 16 Ortsbezirke – doch Frankfurter denken in Vierteln. Ein Wegweiser durch zehn Quartiere, die die Stadt ausmachen: vom eleganten Westend bis zum rauen Bahnhofsviertel.
Fremde unterschätzen Frankfurt gern. Sie sehen die Skyline vom Zugfenster aus, denken an Banken, Messe und Flughafen – und ahnen nicht, wie unterschiedlich sich die Stadt anfühlt, sobald man die Türme hinter sich lässt. Denn Frankfurt ist kompakt, aber alles andere als gleichförmig: Auf engem Raum drängen sich Viertel, die kaum verschiedener sein könnten. Zwischen dem großbürgerlichen Westend und dem rauen Bahnhofsviertel liegen keine zehn Gehminuten und trotzdem zwei Welten. Offiziell gliedert sich die Stadt in 16 Ortsbezirke und rund 46 Stadtteile, doch kein Einheimischer würde je sagen, er wohne im „Ortsbezirk 3“. Wir denken in Vierteln. Genau um diese Viertel geht es hier: um ihren Charakter, ihr Wahrzeichen und die Frage, für wen sich ein Besuch – oder gleich eine Übernachtung – lohnt.
Eine Orientierungshilfe vorweg: Der Main teilt die Stadt in zwei Hälften. Alteingesessene nennen alles nördlich des Flusses im Dialekt „hibbdebach“, alles südlich davon „dribbdebach“. Das Südufer besteht dabei im Wesentlichen aus einem einzigen großen Stadtteil, nämlich Sachsenhausen; fast alles andere, was Besucher meinen, liegt nördlich des Mains. Und weil die zentralen Viertel so dicht beieinanderliegen, wechseln Sie mit U- und S-Bahn in wenigen Minuten vom einen ins andere – oft ist Laufen ohnehin die schönere Variante.
Altstadt und Innenstadt: das historische und das kommerzielle Herz
Hier schlägt der touristische Puls. Rund um den Römerberg mit dem berühmten Rathaus „Römer“ und seinem Treppengiebel, der wiederaufgebauten Ostzeile aus Fachwerkhäusern und dem Kaiserdom, in dem einst die römisch-deutschen Kaiser gekrönt wurden, liegt die eigentliche Altstadt. Seit 2018 schließt das rekonstruierte DomRömer-Areal mit dem gemütlichen Hühnermarkt die Lücke zwischen Römer und Dom – ein Gang durch schmale Gassen, wie es sie vor der Zerstörung 1944 gab. Nur ein paar Schritte weiter steht die Paulskirche, die als Tagungsort der Nationalversammlung von 1848 als Wiege der deutschen Demokratie gilt.
Direkt daran schließt die Innenstadt an, und die ist vor allem eines: Einkaufsmeile. Die Zeil zählt zu den umsatzstärksten Einkaufsstraßen Deutschlands, autofrei und stets voll; das Einkaufszentrum MyZeil fällt mit seiner spektakulären, trichterförmigen Glasfassade sofort ins Auge. Zwischen den beiden Endpunkten Hauptwache und Konstablerwache pulsiert der Alltag – an der Konstablerwache findet donnerstags und samstags der Erzeugermarkt statt, mit Äppelwoi im Stehausschank. Mein Tipp gegen den Trubel: die Kleinmarkthalle in der Hasengasse, Frankfurts überdachter Bauch, mit Ständen von der handgemachten Wurst bis zur italienischen Feinkost. Wer gezielt shoppen möchte, findet auf der Zeil und im nahen Skyline Plaza fast alles unter einem Dach – dazu habe ich einen eigenen Einkaufsführer geschrieben. Wohnen tun in der Altstadt nur wenige; sie ist Bühne, nicht Schlafzimmer.
Bahnhofsviertel: rau, hip und hellwach
Das Bahnhofsviertel zwischen Hauptbahnhof und Bankenviertel ist Frankfurts widersprüchlichstes Quartier. Auf der einen Seite eine sichtbare Drogen- und Rotlichtszene in einigen Straßen rund um die Elbe- und die Moselstraße, auf der anderen eine der spannendsten Ausgehszenen der Stadt. Entlang der Kaiserstraße und in den Seitengassen reiht sich heute Bar an Restaurant: koreanisch, äthiopisch, natürlich türkisch, dazu Cocktailbars und Spätis wie der legendäre Kiosk „Yok Yok“. Einmal im Jahr feiert das ganze Viertel bei der Bahnhofsviertelnacht sich selbst. Ein kleiner Fun Fact am Rande: Der Hauptbahnhof liegt streng genommen gar nicht im Bahnhofsviertel, sondern im angrenzenden Gallus. Wer Nachtleben, gutes Essen und Großstadtkante sucht, ist hier goldrichtig – wer nach Ruhe oder einem beschaulichen Spaziergang um Mitternacht sucht, eher nicht.
Westend: elegant, grün und großbürgerlich
Das Westend ist die vornehme Adresse Frankfurts: prächtige Gründerzeitvillen, breite, baumbestandene Straßen und einige der teuersten Wohnlagen der Stadt. Und trotzdem ist es kein steifes Viertel, denn gleich mehrere grüne Oasen liegen hier vor der Tür – allen voran der Palmengarten, Deutschlands größter botanischer Garten seiner Art, dazu der weitläufige Grüneburgpark und der angrenzende Botanische Garten. Für jugendliches Leben sorgt der Campus Westend der Goethe-Universität, untergebracht im monumentalen IG-Farben-Haus (dem Poelzig-Bau) von 1930. Am südlichen Rand, am Opernplatz, thront die Alte Oper, und die „Freßgass“ lockt mit Feinkost und Restaurants. Wer Eleganz, Ruhe und viel Grün schätzt und morgens gern zwischen alten Bäumen joggt, wird das Westend lieben.
Nordend: das lebenswerteste Wohnviertel
Wenn mich Freunde fragen, wo man in Frankfurt „wie ein Einheimischer“ leben kann, nenne ich fast immer das Nordend. Es ist der bevölkerungsreichste Stadtteil, im 19. Jahrhundert in schönster Gründerzeitmanier bebaut, mit Alleen, Boulevards und einem abwechslungsreichen Straßenbild. Das Leben spielt sich in den Cafés ab, etwa entlang des zunehmend verkehrsberuhigten Oeder Wegs und der unteren Berger Straße. Freitagabends verwandelt sich der Friedberger Platz in einen riesigen Treffpunkt, wenn halb Frankfurt zum Wein zusammenkommt. Zum Durchatmen laden der Günthersburgpark und der Bethmannpark mit seinem versteckten Chinesischen Garten ein. Ein Viertel für alle, die keine Sehenswürdigkeiten abhaken, sondern einfach mitleben wollen.
Bornheim: „Bernem“, bodenständig und lebendig
Nordöstlich schließt Bornheim an, im Dialekt liebevoll „Bernem“ genannt – mit rund 30.000 Einwohnern einer der älteren Stadtteile und von Frankfurtern regelmäßig zum beliebtesten Wohnviertel gewählt. Sein Rückgrat ist der obere Teil der Berger Straße, die am Uhrtürmchen ihren gemütlichen Mittelpunkt hat. Hier reihen sich traditionelle Apfelweinwirtschaften an Szene-Kneipen, Wochenmarkt inklusive (mittwochs und samstags). Bornheim fühlt sich fast dörflich an und ist doch quirlig – eine seltene Mischung. Wer tiefer eintauchen möchte, findet in meinem Porträt zur Berger Straße in Bornheim alle Adressen. Ideal für alle, die Kneipenabende, Wochenmärkte und ein echtes Nachbarschaftsgefühl suchen.
Sachsenhausen: Apfelwein trifft Museumsufer
Südlich des Mains liegt Sachsenhausen, einer der ältesten und bekanntesten Stadtteile – und zugleich zwei Viertel in einem. Im engen, kopfsteingepflasterten Alt-Sachsenhausen steht das Frankfurter Nationalgetränk im Mittelpunkt: In traditionsreichen Wirtschaften wird der herbe Äppelwoi im Bembel serviert, dazu Handkäs mit Musik und Grüne Soße. Ein paar Straßen weiter, auf der eleganten Schweizer Straße, wird gebummelt und gut gegessen. Und direkt am Flussufer erstreckt sich das Museumsufer, Frankfurts Museumsmeile, mit dem Städel, dem Liebieghaus, dem Filmmuseum und vielen mehr – am letzten Augustwochenende feiert die Stadt hier das riesige Museumsuferfest. Zum Charakter dieses vielschichtigen Viertels habe ich zwei ausführliche Guides: einen zu Apfelwein, Grüner Soße und Museen in Sachsenhausen und einen zum Museumsufer und dem Städel. Perfekt für alle, die Kultur und Tradition an einem Tag verbinden möchten.
Ostend: im Aufbruch, mit EZB und Zoo
Das Ostend war lange ein Arbeiter- und Gewerbeviertel und gehört heute zu den Quartieren im schnellsten Wandel. Sein neues Wahrzeichen ist der Doppelturm der Europäischen Zentralbank, direkt am Main auf dem Gelände der ehemaligen Großmarkthalle errichtet. Gleich daneben lädt der Hafenpark mit seiner bekannten Skateanlage zum Verweilen ein. Der eigentliche Publikumsmagnet aber ist der Frankfurter Zoo, 1858 gegründet und damit einer der ältesten Tiergärten Deutschlands. Abends zieht es Feierlustige an die Hanauer Landstraße mit ihren Clubs in alten Industriehallen. Ein Viertel für alle, die den Wandel spüren wollen – und mit Kindern sowieso.
Bockenheim: studentisch und multikulturell
Bockenheim ist bunt, jung und unprätentiös. Rund um den alten Uni-Campus, der gerade neu entwickelt wird, hat sich über Jahrzehnte eine studentische, internationale Atmosphäre gehalten. Die Leipziger Straße ist die Einkaufs- und Lebensader, mit Läden, Imbissen und Cafés aus aller Welt. Wahrzeichen ist der U-Bahn-Eingang an der Bockenheimer Warte, aus dem eine überdimensionale Straßenbahn scheinbar aus dem Pflaster kippt – ein beliebtes Fotomotiv. Kultur gibt es im Bockenheimer Depot, einem früheren Straßenbahndepot, das heute Theater- und Tanzbühne ist. Ein Viertel für alle mit kleinerem Budget, die Multikulti und ein lebendiges Straßenleben schätzen.
Gallus und Europaviertel: das neue Frankfurt
Kaum irgendwo hat sich Frankfurt so schnell verändert wie hier. Das traditionelle Arbeiterviertel Gallus grenzt an das Europaviertel, das komplett neu auf dem Gelände des früheren Güterbahnhofs entstanden ist. Entlang der schnurgeraden Europa-Allee reihen sich moderne Wohn- und Bürobauten, darunter der Grand Tower, mit rund 172 Metern das höchste Wohnhochhaus Deutschlands. Herzstück ist das Einkaufszentrum Skyline Plaza mit seinem begrünten Dachgarten und Blick auf die Türme. Die Messe mit der Festhalle liegt gleich nebenan – weshalb hier viele Geschäftsreisende absteigen. Und der Hauptbahnhof? Der gehört, wie erwähnt, offiziell zum Gallus. Ein Viertel für Fans moderner Architektur, Messebesucher und alle, die es zentral und neu mögen.
Höchst: die kleine Stadt in der Stadt
Ganz im Westen, rund zehn Kilometer vom Zentrum und in gut 20 Minuten mit der S-Bahn (S1/S2) erreichbar, liegt Höchst – bis 1928 eine eigenständige Stadt, und das merkt man bis heute. Die Höchster Altstadt gehört zu den besterhaltenen der Region, mit dichten Reihen von Fachwerkhäusern, dem Höchster Schloss samt Turm am Mainufer und der Justinuskirche, deren Ursprünge bis ins 9. Jahrhundert zurückreichen – sie zählt zu den ältesten Bauwerken Frankfurts. Prächtig ist auch der barocke Bolongaropalast, den zwei italienische Tabakhändler im 18. Jahrhundert errichten ließen. Und wer feines Porzellan liebt: Die Höchster Porzellanmanufaktur von 1746 ist nach Meißen die zweitälteste Deutschlands. Mehr dazu in meinem Guide zur Höchster Altstadt. Ein Ausflug für alle, die Altstadtcharme ohne Gedränge suchen.
Welches Viertel passt zu Ihnen?
Kurz zusammengefasst: Für Ruhe und Grün empfehle ich das Westend oder das südliche Sachsenhausen, für Nachtleben und Kanten das Bahnhofsviertel, für echtes Frankfurter Alltagsleben das Nordend und Bornheim, für Tradition und Kultur Sachsenhausen mit dem Museumsufer, für moderne Neubauten das Europaviertel – und wer zentrale Sehenswürdigkeiten und Shopping abhaken will, bleibt in der Innenstadt. Welches Quartier zu welcher Reise (und welchem Hotel) passt, habe ich ausführlich in meinem Guide dazu aufgeschrieben, wo man in Frankfurt am besten übernachtet.
Am Ende ist es wie so oft: Frankfurts Reiz liegt nicht in der Skyline, sondern zwischen den Vierteln. Suchen Sie sich zwei oder drei aus, die zu Ihrer Stimmung passen, lassen Sie das Auto stehen und erkunden Sie sie zu Fuß. Erst dann verstehen Sie, warum diese vermeintlich nüchterne Bankenstadt in Wahrheit eine der abwechslungsreichsten Deutschlands ist.
Weiterlesen
Stadtteile
Wo übernachten in Frankfurt? Die besten Stadtteile & Hotels
Welcher Frankfurter Stadtteil passt zu Ihrer Reise? Innenstadt, Bahnhofsviertel, Westend, Sachsenhausen, Ostend und Flughafen im ehrlichen Vergleich – mit Hotelbeispielen, Preis-Orientierung und dem entscheidenden Messe-Tipp.
Stadtteile
Bornheim & Berger Straße: Frankfurts lebendiges Viertel
Bornheim, von Frankfurtern „Bernem“ genannt: die knapp drei Kilometer lange Berger Straße, der Wochenmarkt am Uhrtürmchen (Mi & Sa), Apfelwein bei Solzer und Zur Sonne und der Günthersburgpark – ein Porträt mit Anreise-Tipps.
Stadtteile
Sachsenhausen: Äppelwoi, Grüne Soße & Museen
Ein Porträt von Frankfurt-Sachsenhausen: das Kopfsteinpflaster von Alt-Sachsenhausen, die Grüne Soße mit ihren sieben Kräutern, das Museumsufer am Schaumainkai, die Schweizer Straße und der Main. Mit geprüften Tipps einer Einheimischen.
Stadtteile
Hotels in Frankfurt-Sachsenhausen: Übernachten am Museumsufer
Hotels in Frankfurt-Sachsenhausen: welche Lage zu Ihnen passt – Alt-Sachsenhausen, Schweizer Straße, Museumsufer oder Südbahnhof – konkrete Häuser vom The Florentin bis zur Budget-Adresse, Anbindung und ehrliche Buchungstipps einer Einheimischen.