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Stadtteile

Bornheim & Berger Straße: Frankfurts lebendiges Viertel

Wochenmarkt, Apfelwein und Szene-Kneipen auf Frankfurts längster Einkaufsstraße: Warum die Frankfurter ihr „lustiges Dorf“ so lieben – und wie Sie es an einem Samstag erleben.

Katharina Vogt
Katharina Vogt
16. Juni 2026 akt. 2. August 2026
Belebte Straße im Frankfurter Stadtteil Bornheim
Foto: Lana Kravchenko / Pexels

Fragt man Frankfurter, wo sie am liebsten wohnen, fällt erstaunlich oft derselbe Name: Bornheim. Im Dialekt heißt der Stadtteil im Osten der Stadt schlicht „Bernem“, und wer ihn kennt, versteht die Zuneigung sofort. Bornheim ist das seltene Kunststück eines Viertels, das mitten in einer Bankenmetropole liegt und sich trotzdem anfühlt wie ein Dorf: Man grüßt sich beim Bäcker, kennt den Gemüsehändler auf dem Markt beim Namen, und abends sitzt die halbe Nachbarschaft vor denselben paar Kneipen. Ich wohne seit Jahren in Laufweite der Berger Straße und ertappe mich immer wieder dabei, Besuchern zuerst nicht den Römer oder die Skyline ans Herz zu legen, sondern genau dieses Viertel. Warum, das erzähle ich Ihnen hier – vom Wochenmarkt am Uhrtürmchen über den Apfelwein bis ins Grün des Günthersburgparks.

Vom „lustigen Dorf“ zum Lieblingsviertel

Bornheim war lange gar kein Teil Frankfurts, sondern ein eigenständiges Dorf vor den Toren der Stadt. Erst am 1. Januar 1877 wurde es eingemeindet. Bekannt war das Dorf schon davor – und zwar für seine vielen Wirtschaften und Ausflugslokale, in die die Frankfurter am Sonntag zum Feiern hinauszogen. Diesem Ruf verdankt Bornheim seinen bis heute liebevoll gebrauchten Beinamen „das lustige Dorf“. Man merkt der Gegend diese Vergangenheit noch an: Die Geselligkeit, das Draußensitzen, der Hang zum Apfelwein – all das ist hier keine Inszenierung für Gäste, sondern gelebter Alltag.

Nach der Eingemeindung wuchs Bornheim rasch zu einem dichten Gründerzeitviertel heran. Die stattlichen Altbauten mit ihren Stuckfassaden, die Sie heute in den Seitenstraßen sehen, stammen größtenteils aus dieser Zeit um 1900. Genau diese Mischung – gewachsene Bausubstanz, kurze Wege, ein echtes Zentrum – macht den Charme aus. Mit gut 30.000 Einwohnern zählt Bornheim zu den bevölkerungsreicheren Stadtteilen, und in Umfragen landet es regelmäßig ganz oben, wenn Frankfurter nach ihrem Wunschwohnort gefragt werden. Wer die Nachbarschaften der Stadt vergleichen möchte, findet in meinem großen Überblick über die Frankfurter Stadtteile die nötige Einordnung.

Die Berger Straße: knapp drei Kilometer Frankfurt am Stück

Das Rückgrat des Viertels ist die Berger Straße – mit rund 2,9 Kilometern die längste Einkaufsstraße Frankfurts. Sie beginnt im Nordend, zieht sich hinauf durch Bornheim und läuft schließlich in Richtung Seckbach aus. Anders als die große, betriebsame Zeil in der Innenstadt ist sie kleinteilig und persönlich geblieben: inhabergeführte Läden, Buchhandlungen, Boutiquen, Blumengeschäfte, Weinhändler, dazwischen Cafés, Bäcker und immer wieder eine urige Kneipe. Ehrlicherweise haben steigende Mieten in den letzten Jahren manch alteingesessenes Geschäft verdrängt, und ein paar Filialisten haben sich dazwischengeschoben – aber der individuelle, unaufgeregte Grundton der Straße ist geblieben.

Ein Detail, das viele gar nicht bemerken: Unter der Berger Straße fährt die U-Bahn-Linie U4, und ihre drei Stationen sind jeweils in einer eigenen Kachelfarbe gehalten. Merianplatz am unteren, dem Nordend zugewandten Ende leuchtet grün, die Höhenstraße rot und Bornheim Mitte gelb. Wenn Sie also unsicher sind, wo Sie gerade aus dem Untergrund auftauchen, verrät es die Farbe der Wand. Mein Rat für den Bummel: Nehmen Sie sich Zeit und biegen Sie ruhig in die Seitenstraßen ab – gerade dort, abseits der Hauptachse, liegen die kleinen Entdeckungen, die ich auch in meinem Text über Frankfurts Geheimtipps beschreibe.

Das Uhrtürmchen und der Wochenmarkt

Der eigentliche Mittelpunkt des Stadtteillebens steht an der Station Bornheim Mitte: das Uhrtürmchen, ein zierlicher kleiner Uhrturm, der als Wahrzeichen des Viertels gilt und jedem Bornheimer als Treffpunkt dient („am Uhrtürmchen“ versteht hier jeder). Zu seinen Füßen findet zweimal wöchentlich – mittwochs und samstags – der Bornheimer Wochenmarkt statt, und der ist weit mehr als bloßer Einkauf.

Wenn Sie das echte Bornheim in einer Stunde erleben wollen, kommen Sie an einem Samstagvormittag hierher. Es gibt frisches Obst und Gemüse, Käse, Brot, Blumen und Fisch, dazu Stände, an denen man einen Schoppen Apfelwein oder einen Kaffee im Stehen nimmt. Man trifft Nachbarn, bleibt stehen, schwatzt – der Markt hat einen fast südländischen Charme und ist die gute Stube des Viertels. Für mich gehört er zu den schönsten Wochenmärkten der Stadt, gerade weil hier kaum Touristen unterwegs sind, sondern Menschen, die tatsächlich hier leben.

Apfelwein in Bernem: Solzer, Zur Sonne & Co.

Neben Sachsenhausen ist Bornheim das zweite große Zentrum der Frankfurter Apfelweinkultur – und der ehrlichere, würde ich behaupten, weil man hier überwiegend zwischen Einheimischen sitzt. Zwei alteingesessene Wirtschaften stehen für den Bornheimer Äppelwoi wie kaum andere:

  • Apfelwein Solzer, Berger Straße 260: Die Familie Solzer betreibt das Haus seit 1893 in mittlerweile fünfter Generation, und der Apfelwein wird bis heute selbst gekeltert. Geöffnet ist montags sowie mittwochs bis freitags ab 17 Uhr, samstags schon ab 14 Uhr und sonntags ab 12 Uhr; dienstags bleibt geschlossen (Stand 2026).
  • Zur Sonne, Berger Straße 312: eine der ältesten erhaltenen Apfelweinwirtschaften Frankfurts, die Schild und Selbstverständnis auf „Tradition seit 1750“ gründet. Hier bekommen Sie klassische Frankfurter Küche – Handkäs mit Musik, Frankfurter Schnitzel mit Grüner Soße, zum Abschluss Apfelstrudel. Geöffnet dienstags bis samstags von 17 bis 23 Uhr (Stand 2026).

Praktisch ergänzen sich die beiden übrigens: Solzer hat dienstags zu, Zur Sonne sonntags und montags – zwischen den beiden finden Sie also fast jeden Tag ein Glas. Bestellen Sie einen Bembel Äppelwoi, lassen Sie sich Zeit, und schauen Sie den Kellnern zu, wie sie das „Gerippte“ balancieren. Wer tiefer in die Materie einsteigen will, dem lege ich meinen Guide zu den besten Apfelweinkneipen Frankfurts ans Herz.

Kaffee, Kuchen und die „Eismeile“

Bornheim ist nicht nur abends wach. Tagsüber ist die Berger Straße eine Reihung von Cafés, in denen sich vom ausgedehnten Wochenendfrühstück bis zum schnellen Espresso alles findet – wer gezielt sucht, wird in meiner Übersicht der besten Cafés für Frühstück und Brunch in Frankfurt fündig. Und im Sommer verwandelt sich die Straße in das, was die Frankfurter augenzwinkernd „Eismeile“ nennen: Eine Eisdiele reiht sich an die nächste, vor den Theken bilden sich Schlangen, und abends flaniert halb Bornheim mit einer Waffel in der Hand die Straße hinauf und hinunter. Ein Eis auf der Berger Straße an einem lauen Abend ist ein kleines Frankfurter Ritual – und kostet nicht mehr als ein paar Euro.

Grün am Rand: der Günthersburgpark

Am oberen, dem Nordend zugewandten Rand des Viertels liegt der Günthersburgpark – die grüne Lunge, die zu Bornheim gehört wie der Markt zum Uhrtürmchen. Der Name geht auf den Gastwirt Johann Jacob Günther zurück, der das Gelände 1690 kaufte und dort ein kleines Wasserschloss errichten ließ. Später gestaltete die Familie Rothschild das Areal zwischen 1837 und 1839 zu einem englischen Landschaftsgarten um; 1892 öffnete die Stadt den Park schließlich für die Öffentlichkeit.

Heute ist er ein rund sieben Hektar großer Volkspark mit weiten Wiesen, altem Baumbestand, einem großen Abenteuerspielplatz und Wasserspielen, über die sich Kinder im Sommer freuen. Zwischen den Bäumen stehen Kunstwerke wie Fritz Boehles kupferner Stier von 1910 und Constantin Meuniers Bronze „Der Sämann“. An warmen Tagen breiten die Bornheimer hier ihre Decken aus, grillen am Abend und lassen den Tag ausklingen. Wer den Bummel über die Berger Straße mit etwas Ruhe verbinden will, hängt einfach eine Runde durch den Park an.

Bornheim nach Feierabend

Wenn die Sonne untergeht, zeigt „Bernem“ seine lebhafte Seite. Das Spektrum reicht von der urigen Eckkneipe, in der der Wirt Sie nach dem zweiten Besuch wiedererkennt, über internationale Restaurants bis zur trendigen Cocktailbar. Am Wochenende füllt sich die Berger Straße mit Frankfurtern, die ausgehen, ratschen und tanzen – aber es bleibt spürbar entspannter und weniger auf Partytourismus ausgelegt als etwa die Gassen in Alt-Sachsenhausen. Ein Abend in Bornheim ist gesellig, aber nicht überdreht: Man trinkt sein Bier oder seinen Apfelwein, zieht vielleicht eine Kneipe weiter und ist selten die einzige Person, die morgen früh wieder arbeiten muss.

Anreise: die U4 fährt direkt hinein

So kommen Sie am einfachsten hin: Die U4 (Enkheim ↔ Bockenheimer Warte) fährt unter der Berger Straße entlang und hält an Merianplatz, Höhenstraße und Bornheim Mitte – letztere Station bringt Sie direkt ans Uhrtürmchen und damit mitten ins Geschehen. Den südlichen Rand des Viertels streift zusätzlich die U7, die am Festplatz an der Eissporthalle hält und wie die U4 nach Enkheim durchfährt. Ein Auto brauchen Sie nicht – im dicht bebauten Wohnviertel ist Parken ohnehin ein Geduldsspiel, und mit der Bahn sind Sie aus der Innenstadt in wenigen Minuten da.

Die beste Zeit? Für das volle Programm ein Samstag: vormittags Markt, mittags Bummel, nachmittags Park, abends Apfelwein. Wer es ruhiger mag, kommt an einem Wochentag – dann gehört die Straße den Anwohnern.

Mein Bornheim an einem Samstag

Wenn Freunde zu Besuch sind, mache ich es meistens so: Wir starten gegen zehn am Uhrtürmchen, drehen eine Runde über den Markt und nehmen den ersten Schoppen im Stehen. Dann schlendern wir die Berger Straße hinunter Richtung Nordend, stöbern in den Läden, machen an einem Café Pause. Am Nachmittag geht es in den Günthersburgpark, ein bisschen Wiese, ein bisschen Schatten. Und wenn es dämmert, kehren wir bei Solzer oder in der Sonne ein, bestellen Handkäs und einen Bembel – und plötzlich ist es spät geworden, ohne dass irgendjemand auf die Uhr geschaut hätte.

Genau das ist Bornheim: kein Pflichtprogramm für Sehenswürdigkeiten-Jäger, sondern ein Viertel zum Leben. Es muss Ihnen niemand erklären, was Sie hier „gesehen haben müssen“ – Sie kommen, lassen sich treiben und verstehen von selbst, warum das lustige Dorf das Herz so vieler Frankfurter erobert hat. Nehmen Sie sich einen halben Tag, am besten an einem Markttag, und Sie werden es genauso halten wollen.

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