Nordend Frankfurt: Gründerzeit, Oeder Weg und Holzhausenpark – das Viertel, in das alle ziehen wollen
Gut 55.000 Menschen auf viereinhalb Quadratkilometern, Stuckfassaden, ein Wasserschloss hinter dem Oeder Weg und ein Wochenmarkt, der freitags zum Treffpunkt wird: Warum das Nordend das Viertel ist, in das Frankfurter ziehen, wenn sie können.
Ich wohne im Nordend, und das sage ich in Frankfurt selten, ohne dass jemand seufzt. Das Viertel hat einen Ruf: schöne Altbauten, gute Cafés, keine freie Wohnung. Alle drei Punkte stimmen. Was der Ruf verschweigt, ist, wie wenig das Nordend sich um Besucher bemüht. Es gibt hier kein Wahrzeichen, das man abhaken müsste, keinen Platz, auf dem Reisebusse halten. Es gibt Straßen, auf denen das Frankfurter Alltagsleben so dicht stattfindet wie nirgends sonst in der Stadt, und genau das ist der Grund, einen halben Tag hierherzukommen. Meine Wege durch das Viertel führen fast immer über dieselben Stationen: den Oeder Weg, die Glauburgstraße, den Holzhausenpark und freitags den Markt am Friedberger Platz.
Von Gutshöfen zur Gründerzeit
Das Nordend liegt nördlich des Anlagenrings, also direkt oberhalb der Innenstadt, und reicht bis zum Hauptfriedhof. Im Westen trennt die Eschersheimer Landstraße es vom Westend, im Osten grenzt es an Bornheim und das Ostend. Der Name kam um 1850 auf und meinte schlicht die nördlichste Stadterweiterung. Davor war hier Land: königliche Meierhöfe im Mittelalter, später befestigte Gutshöfe Frankfurter Patrizierfamilien. Ihre Namen stehen heute auf den Straßenschildern, von der Glauburgstraße bis zur Holzhausenstraße, und an zwei Stellen ist von diesen Höfen bis heute etwas zu sehen, dazu gleich mehr.
Sein Gesicht bekam das Viertel in der Gründerzeit im späten 19. Jahrhundert. Damals entstanden die geschlossenen Reihen vierstöckiger Mietshäuser mit roten Sandsteinsockeln und die breiten Straßen, durch die Sie heute laufen. Viel davon hat zwei Weltkriege überstanden, und die Stadt schützt das bewusst: Eine Erhaltungssatzung für das Nordend soll die städtebauliche Qualität dieser nördlichen Stadterweiterung des 19. Jahrhunderts sichern. Sie verbietet keine Veränderung, stellt aber jedes Vorhaben unter Genehmigungsvorbehalt, bis hin zu Fensterformen und Dachaufbauten. Das erklärt, warum ganze Straßenzüge so geschlossen wirken.
Mit 55.121 Einwohnern Ende 2025 ist das Nordend nach Sachsenhausen der zweitgrößte Stadtteil Frankfurts, und mit rund 11.900 Menschen pro Quadratkilometer einer der dichtesten. Verwaltungstechnisch zerfällt es in Nordend-West und Nordend-Ost, getrennt von der Friedberger Landstraße. Im Alltag sagt das niemand, man wohnt „im Nordend“. Wie das Viertel im Verhältnis zu den anderen Frankfurter Quartieren tickt, habe ich im großen Überblick über die Frankfurter Stadtteile eingeordnet.
Der Oeder Weg: eine Straße, die sich neu erfunden hat
Der Oeder Weg ist 1.325 Meter lang und führt vom Anlagenring am Eschenheimer Tor nach Norden bis zur Eckenheimer Landstraße. Seinen Namen hat er von den „Einödhöfen“, zu denen er einst hinausführte, darunter die Güter der Holzhausen, Glauburg und Stalburg. Der südliche Teil ist die Einkaufsstraße des westlichen Nordends mit Läden, Cafés und Restaurants, der nördliche Teil ist reine Wohnstraße.
Was den Oeder Weg heute besonders macht, ist ein Verkehrsversuch, der geblieben ist. Seit 2021 haben hier Fahrräder Vorrang: rote Markierungen auf der Fahrbahn, Pflanzkübel und Sitzbänke auf ehemaligen Parkplätzen, mehr Platz für Außengastronomie. Ein sogenannter Modalfilter an der Kreuzung mit der Holzhausenstraße zwingt Autos zum Abbiegen, während Radfahrer und Fußgänger geradeaus weiterkommen. Die Frankfurt University of Applied Sciences hat das Projekt begleitet und kam in ihrem Abschlussbericht im April 2024 auf rund halb so viel Autoverkehr wie vorher. 2024 beschloss der Ortsbeirat 3 mit knapper Mehrheit, 10 von 19 Stimmen, die Beruhigung dauerhaft zu machen. Ich war skeptisch, als die ersten Kübel auftauchten. Heute sitze ich an einem Sommerabend lieber hier als an jeder anderen Frankfurter Einkaufsstraße, weil man sich wieder unterhalten kann, ohne gegen den Verkehr anzureden.
Meine Lieblingsadresse ist eine umgebaute Tankstelle: The Station im Oeder Weg 57, eine kleine Brauerei mit Biergarten. Hier war früher die Brauerei BrauStil, die im Frühjahr 2024 schloss; Kai Greinus, der dort schon im Team war, hat den Ort übernommen. Es gibt eigene Biere, bis zu sechs Gastzapfhähne, Wein von kleinen Erzeugern und Pizza aus der Nachbarschaft. Geöffnet ist dienstags bis donnerstags von 17 bis 22 Uhr, freitags bis 23 Uhr, samstags von 15 bis 23 Uhr und sonntags von 16 bis 22 Uhr, montags ist zu (Stand 2026). Von der U-Bahn-Station Musterschule sind es gut 400 Meter.
Glauburgstraße: Kuchen am Morgen, Apfelwein am Abend
Ein paar Gehminuten östlich des Oeder Wegs verläuft die Glauburgstraße von West nach Ost, und an ihr liegen zwei Adressen, die für mich das Nordend zusammenfassen. Das Glauburg Café in Hausnummer 28 ist ein familiengeführtes Nachbarschaftscafé mit Bio-Zertifikat: morgens Brot, Aufstriche und Aufschnitt, mittags Suppen, Salate und Bowls, nachmittags hausgemachte Kuchen und Torten. Geöffnet ist täglich von 9 bis 17 Uhr (Stand 2026), und eine Reservierung lohnt sich. Wer tiefer in die Frühstücksszene des Viertels will, findet in meinem Café-Guide zu Frühstück und Brunch in Frankfurt weitere Nordend-Adressen.
Ein Stück weiter westlich, in der Glauburgstraße 80, steht die Zur Stalburg, eine Apfelweinwirtschaft, die es seit 1879 gibt und die in den Mauern einer alten Wasserburg sitzt. An dieser Stelle steht schon seit 1415 ein Gebäude; Ende des 15. Jahrhunderts erwarb es Claus Stalburg, damals einer der reichsten Frankfurter Patrizier. Serviert wird klassische Frankfurter Küche, geöffnet ist montags bis samstags von 12 bis 23 Uhr und sonntags bis 22 Uhr (Stand 2026). Im ehemaligen Tanzsaal der Wirtschaft spielt seit Ende der 1990er-Jahre das Stalburg Theater, das der Journalist Michael Herl gegründet hat. Man sitzt an Bistrotischen, das Programm reicht von Kabarett über Jazz bis zu eigenen Stücken, die Abendkasse öffnet an Spieltagen um 18 Uhr. Draußen veranstaltet das Theater außerdem das Festival „Stoffel“ im Günthersburgpark; 2026 lief es vom 30. Juli bis zum 18. August, mit Musik, Tanz, Flohmarkt und Kinderprogramm.
Beide Adressen erreichen Sie mit der U5 bis Glauburgstraße, die Station liegt jeweils keine 200 Meter entfernt.
Holzhausenpark: ein Wasserschloss hinter dem Oeder Weg
Wenn Sie den Oeder Weg nach Norden gehen, stoßen Sie auf ein schmiedeeisernes Tor aus dem späten 18. Jahrhundert. Es markiert die alte Grenze des Holzhausen-Guts, und dahinter führt eine Kastanienallee, gepflanzt um 1910, auf das schönste Gebäude des Viertels zu: das Holzhausenschlösschen. Die Patrizierfamilie Holzhausen besaß das Gelände, damals „Holzhausen-Oed“ genannt, seit dem Mittelalter. Eine ältere Wasserburg an dieser Stelle wurde 1552 bei der Belagerung Frankfurts zerstört. Das heutige barocke Wasserschlösschen entstand zwischen 1727 und 1729 nach Plänen von Louis Remy de la Fosse als Sommersitz für Johann Hieronymus von Holzhausen; man erreicht es über eine dreibogige Steinbrücke über den Weiher.
Der letzte männliche Holzhausen, Adolph von Holzhausen, schenkte Park und Schlösschen der Stadt. In den Jahren 1912 und 1913 wurde der Park zum Volkspark umgestaltet und für die Öffentlichkeit geöffnet. Heute ist der Holzhausenpark 3,5 Hektar groß, ein englischer Landschaftsgarten, den Hans Thoma schon 1880 gemalt hat. Im Schlösschen sitzt seit 1989 die Frankfurter Bürgerstiftung, die dort Konzerte, Jazzabende, Lesungen und Diskussionen veranstaltet (Justinianstraße 5). Eine Warnung für Fotografen: Seit Herbst 2025 werden Fassade, Fenster und Dach umfassend saniert, denn 2027 feiert der Bau sein 300-jähriges Jubiläum in heutiger Gestalt. Rechnen Sie also mit Gerüst.
Am nächsten liegt die U-Bahn-Station Holzhausenstraße (U1, U2, U3, U8), drei Minuten von der Hauptwache und knapp 400 Meter vom Schlösschen entfernt. Wer danach noch Grün braucht, findet den Grüneburgpark und den Günthersburgpark in meinem Spaziergang durch Frankfurts Parks und das Mainufer. Dort steht auch, warum der Günthersburgpark im Nordend-Ost an schönen Tagen schlicht überlaufen ist.
Die untere Berger Straße und der Bethmannpark
Die Berger Straße beginnt an der Friedberger Anlage, und ihr erstes Stück bis zur Höhenstraße gehört zum Nordend, erst danach übernimmt Bornheim. Unten ist sie noch städtischer, mit kleinen Boutiquen und Szenekneipen, rund um die U4-Station Merianplatz mit ihren grünen Kacheln. Den oberen Teil mit Uhrtürmchen, Wochenmarkt und Apfelweinwirtschaften habe ich in meinem Porträt von Bornheim und der Berger Straße beschrieben, das hier nicht zu wiederholen wäre.
Gleich am Anfang der Straße liegt der Bethmannpark, 3,1 Hektar zwischen Friedberger Landstraße, Berger Straße und Mauerweg. Johann Philipp Bethmann kaufte den Garten 1783, seit 1941 gehört er der Stadt. Im Südwesten versteckt sich seit 1989 der Chinesische Garten, der „Garten des Himmlischen Friedens“. Von der U4-Station Merianplatz kommen Sie zum Nordosteingang, die Straßenbahnlinien 12 und 18 halten am Hessendenkmal.
Freitags am Friedberger Platz
Der Wochenmarkt am Friedberger Platz ist freitags von 10 bis 20 Uhr (Stand 2026), betrieben von der städtischen Marktgesellschaft HFM: Obst und Gemüse, Fleisch und Wurst, Geflügel, Eier, Oliven, Käse, Pasta, Blumen. Tagsüber ist das ein ganz normaler, sehr guter Markt. Nach Feierabend wird er zum Treffpunkt, an dem Leute aus den Büros und Anwohner mit einem Glas Wein oder Bier zusammenstehen, friedlich und gesellig. Ein Tipp aus Nachbarsicht: Kommen Sie früh am Abend, bringen Sie Geduld mit und nehmen Sie Ihren Müll wieder mit, dann bleibt der Platz das, was er ist. Mit der Straßenbahn 12 oder 18 sind es von der Konstablerwache drei Minuten bis zur Haltestelle Friedberger Platz.
Am Nordrand: Friedhof, Schule, Bibliothek
Wer das Nordend über seine Cafés hinaus kennenlernen will, fährt mit der U5 bis zur Station Hauptfriedhof. Der Hauptfriedhof wurde 1828 eröffnet und ist heute rund 70 Hektar groß. Das klassizistische Alte Portal mit dorischen Säulen hat Friedrich Rumpf 1826 bis 1828 gebaut. Hier liegen Arthur Schopenhauer und Theodor W. Adorno, Ricarda Huch und Marcel Reich-Ranicki, und auch Pauline Schmidt, das Vorbild für das „Paulinchen“ aus dem Struwwelpeter. Über 900 Gräber stehen unter Denkmalschutz. Ein Nachmittag hier ist still und eigenartig schön, gerade im Herbst.
Auf dem Weg dorthin lohnt ein Blick auf zwei Gebäude. In der Hebelstraße 15–17 steht das Philanthropin, 1804 als jüdische Schule gegründet, das heutige Gebäude stammt von 1908. 1942 schlossen die Nationalsozialisten die Schule; seit dem Schuljahr 2006/07 ist mit der I. E. Lichtigfeld-Schule wieder eine jüdische Schule im Haus. Und am nördlichen Ende des Oeder Wegs, wo er in die Eckenheimer Landstraße mündet, steht die Deutsche Nationalbibliothek.
Warum alle hierher ziehen wollen
Was macht das Nordend zu dem Viertel, in das Frankfurter ziehen, sobald sie können? Für mich sind es die kurzen Wege. Ich brauche für nichts das Auto: Bäcker, Markt, Kino, Park, Kneipe, alles liegt zu Fuß erreichbar, und in die Innenstadt sind es mit der U-Bahn wenige Minuten. Dazu kommt ein Straßenbild, das die Erhaltungssatzung vor Brüchen schützt, und eine Nachbarschaft, die sich auf Märkten, in Cafés und auf Plätzen tatsächlich begegnet.
Die Kehrseite ist die Dichte. Grünflächen sind knapp, die Parks an schönen Tagen voll, und Parkplätze sind im Nordend eine Legende. Wer mit dem Auto kommt, sollte sich vorher anschauen, wie Anwohnerparken, Parkzonen und Parkhäuser in deutschen Innenstädten funktionieren, und dann doch lieber die U-Bahn nehmen.
So kommen Sie hin
Eine S-Bahn hat das Nordend nicht, dafür fast alles andere. Die U5 fährt vom Hauptbahnhof über die Konstablerwache nach Norden und hält an Musterschule, Glauburgstraße und Hauptfriedhof; vom Hauptbahnhof bis Musterschule sind es sechs Minuten. Die U4 hält am Merianplatz, die U1, U2, U3 und U8 an der Holzhausenstraße am westlichen Rand, die Straßenbahnen 12 und 18 erschließen den Osten des Viertels. Wer mit Gepäck vom Flughafen kommt, kann vorher abschätzen, was ein Taxi vom Frankfurter Flughafen in die Stadt ungefähr kostet. Für die Rückreise hilft es, zu wissen, wie Terminal 1 mit seinen Piers A, B, C und Z aufgebaut ist, bevor man mit dem Koffer aus der S-Bahn steigt. Und wer nach einem langen Abend am Friedberger Platz lieber per App heimfährt, findet bei den Kollegen eine gute Erklärung, wie Bolt seinen Festpreis in Deutschland zusammensetzt.
Mein Nordend-Freitag
Wenn Besuch da ist, lege ich den Nordend-Tag auf einen Freitag. Wir beginnen gegen zehn mit Kuchen und Kaffee im Glauburg Café, gehen dann über den Oeder Weg zum schmiedeeisernen Tor und durch die Kastanienallee zum Holzhausenschlösschen. Mittags eine Runde durch den Park, danach mit der U5 hinauf zum Hauptfriedhof, zum Alten Portal und zu Schopenhauers Grab. Am späten Nachmittag zurück, einmal über den Friedberger Platz, Wein am Stand, Gesichter aus der Nachbarschaft. Und wenn es dunkel wird, entscheiden wir uns zwischen einem Bier in der alten Tankstelle am Oeder Weg und einem Schoppen in der Stalburg.
Das Nordend ist kein Viertel, das man besichtigt. Es ist eines, in dem man für ein paar Stunden so tut, als wohne man hier, und dabei merkt, warum so viele Frankfurter genau das wollen. Nehmen Sie sich einen Freitag, gute Schuhe und keinen festen Plan, und lassen Sie sich von einer Straße zur nächsten schicken.
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