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Bockenheim: Frankfurts altes Uni-Viertel zwischen Warte, Leipziger Straße und Kulturcampus

Bis 1895 eine eigene Stadt, hundert Jahre lang Frankfurts Uni-Viertel, jetzt eine große Baulücke mit Kunsthalle: Warum Bockenheim gerade eines der spannendsten Viertel der Stadt ist – und wie Sie es an einem Donnerstag erleben.

Katharina Vogt
Katharina Vogt
25. September 2026
Eine Frankfurter Straßenbahn fährt im Schneetreiben über einen verschneiten Platz
Foto: Masood Aslami / Pexels

Bockenheim ist das Viertel, in dem ich studiert habe, und wie vielen Frankfurtern geht es mir so, dass ich es bis heute mit Seminaren, Mensa-Essen und durchdiskutierten Nächten verbinde. Nur: Die Uni ist weg. Fast hundert Jahre lang war der Campus an der Bockenheimer Warte das Herz der Goethe-Universität, dann zogen die Fachbereiche nach und nach ins Westend und auf den Riedberg. Zurück blieb ein Stadtteil mit einer riesigen Baulücke in der Mitte, einer der lebendigsten Einkaufsstraßen Frankfurts und, seit Herbst 2025, einer Kunsthalle in einer alten Druckerei. Genau diese Mischung aus Abschied und Neuanfang macht Bockenheim für Besucher im Moment so interessant.

Eine eigene Stadt, gleich hinter der Grenze

Bockenheim war lange nicht Frankfurt, sondern Ausland. Das Dorf gehörte ab dem 14. Jahrhundert zur Herrschaft Hanau, fiel 1736 an Hessen-Kassel und bekam 1819 vom Kurfürsten Wilhelm I. die Stadtrechte. Die Grenze zur Freien Stadt Frankfurt verlief bis 1866 unmittelbar westlich der Bockenheimer Warte. Als 1848 in der Paulskirche das erste deutsche Parlament tagte, lag Bockenheim also wenige Kilometer entfernt in einem anderen Staat, dem Kurfürstentum Hessen. Erst am 1. April 1895 wurde die Stadt eingemeindet.

Diese Vergangenheit merkt man bis heute. Bockenheim hat einen alten Ortskern um den Kirchplatz mit der Jakobskirche, einen eigenen Marktplatz, den Kurfürstenplatz mit seinem Monumentalbrunnen von 1914, und einen Bahnhof, den Westbahnhof, den es schon seit 1850 gibt. Im 19. Jahrhundert wurde Bockenheim außerdem zum Industriestandort, was sich später als Glücksfall erweisen sollte, denn eine dieser Fabriken beherbergt heute die Schirn.

Die Bockenheimer Warte: ein Turm, eine Straßenbahn und ein Markt

Der Name, den jeder kennt, gehört eigentlich gar nicht zu Bockenheim. Die Bockenheimer Warte, ein gotischer Wachturm der Frankfurter Landwehr aus den Jahren 1434 und 1435, steht knapp auf dem Gebiet des Westends. Sie sicherte die Handelsstraße nach Köln, die heute als Bockenheimer Landstraße und Leipziger Straße weiterläuft. Hinein kommen Sie nicht, der Turm ist nicht öffentlich zugänglich. Aber er ist das Wahrzeichen des Viertels und der Treffpunkt schlechthin.

Gleich daneben steckt das zweite, weit berühmtere Fotomotiv: Aus einem der Eingänge zur U-Bahn-Station ragt schräg ein alter Straßenbahnwagen aus dem Pflaster, als hätte er sich von unten durch den Asphalt gebohrt. Entworfen hat das der Künstler Peter Pininski Ende der 1980er-Jahre, als Kunst und U-Bahn-Zugang in einem, und nach Angaben des städtischen Katalogs für Kunst im öffentlichen Raum war das Vorbild ein Londoner Trambahnwagen.

Mein liebster Grund, an die Warte zu kommen, ist allerdings der Wochenmarkt: jeden Donnerstag von 8 bis 18 Uhr direkt am Fuß des Turms (Stand 2026). Er ist kleiner als der in Bornheim, aber mit Obst, Gemüse, Käse, Brot und Blumen gut sortiert, und am späten Nachmittag trifft sich hier das halbe Viertel auf einen Kaffee oder einen Schoppen. Wer den Vergleich ziehen will: Wie sich der Markt am Uhrtürmchen anfühlt, habe ich in meinem Porträt von Bornheim und der Berger Straße beschrieben. Bornheim ist das gemütlichere Dorf, Bockenheim das rauere, internationalere Pendant.

Die Leipziger Straße: Einkaufen ohne Kettenoptik

Die Leipziger Straße ist die Lebensader Bockenheims, rund 800 Meter lang, einspurig und als Einbahnstraße stadtauswärts geführt. Bis 1910 hieß sie Frankfurter Straße, was einiges über das frühere Verhältnis der Nachbarn sagt. Unter ihr fahren U6 und U7 mit der Station Leipziger Straße, und wer genau hinschaut, entdeckt an einigen Altbauten noch Rosetten der Oberleitung aus der Zeit, als hier bis 1965 eine Straßenbahn fuhr.

Was die Straße besonders macht, ist ihr Mix. Es gibt kleine Fachgeschäfte, Bäckereien, Handwerker, türkische, persische und asiatische Lebensmittelläden, Gemüsestände vor den Türen, Imbisse aus aller Welt und in den Hinterhöfen weitere Läden, die man nur findet, wenn man durch die Tordurchfahrten schaut. Am östlichen Ende an der Warte liegt die kleine Ladengalerie Bockenheim. Große Ketten sind rar, und die Leerstände, über die sich die Bockenheimer seit Jahren ärgern, gehören ehrlicherweise auch zum Bild. Die Leipziger Straße ist kein Schaufenster, sondern eine Alltagsstraße, und genau darin liegt ihr Reiz.

In der Exzess-Halle an der Leipziger Straße 91 spielt seit 1993 das Theater Die Dramatische Bühne, das sich auf Shakespeare, Goethe und Molière spezialisiert hat. Abends lohnt ein Abstecher in die Schloßstraße: Das Bockenheimer Weinkontor in Hausnummer 92 sitzt in einer ehemaligen Schmiede im Hinterhof, man findet es nur über den Durchgang, und im Sommer sitzt man draußen im begrünten Hof.

Der alte Campus und der Kulturcampus, der noch kommt

Zwischen Bockenheimer Warte, Senckenberganlage und Gräfstraße lag ab 1914 der Hauptcampus der Goethe-Universität, das meiste davon übrigens auch schon auf Westend-Gebiet. Hier lehrten Adorno und Horkheimer, hier wurde 1968 protestiert, und hier stand bis zum 2. Februar 2014 der 116 Meter hohe AfE-Turm, der damals das höchste Gebäude war, das in Europa je gesprengt wurde. An seiner Stelle steht heute das Wohn- und Hotelhochhaus One Forty West. Das Philosophicum an der Gräfstraße, ein Bau des Uni-Architekten Ferdinand Kramer, wurde umgebaut und dient heute als privates Studierendenwohnheim.

Übrig ist vor allem eine große Frage: Was wird aus dem Rest? Die Antwort heißt seit mehr als fünfzehn Jahren Kulturcampus. Im März 2025 haben Land und Stadt einen neuen Anlauf vorgestellt. Danach soll die Hochschule für Musik und Darstellende Kunst (HfMDK) auf drei Gebäude rund um die Bockenheimer Landstraße verteilt hierher ziehen, das Land stellt dafür rund 170 Millionen Euro bereit, das Juridicum bleibt erhalten, und auf dem Gelände sind bis zu 1.000 Wohnungen vorgesehen. Genannt wurde ein Baubeginn ab 2030 und eine Fertigstellung frühestens 2035. Ich schreibe das mit einer gewissen Vorsicht auf, denn die Zeitpläne für den Kulturcampus sind in diesem Viertel schon so oft verschoben worden, dass sich die Bockenheimer darüber nur noch amüsieren. Für Ihren Besuch heißt das: Rechnen Sie mit Bauzäunen, Brachflächen und Übergangsnutzungen, nicht mit einem fertigen Kulturquartier.

Zwei Orte, die schon da sind, prägen den Campus trotzdem. Die Universitätsbibliothek an der Warte bleibt, und gegenüber steht das Bockenheimer Depot, eine Straßenbahnhalle von 1900 mit einem bemerkenswerten hölzernen Bogendach, die heute als Spielstätte für Oper, Schauspiel und Tanz dient. Wie Sie dort an Karten kommen, steht in meinem Überblick über Theater in Frankfurt.

Die Schirn in der Dondorf-Druckerei, bis etwa 2028

Das beste Argument, gerade jetzt nach Bockenheim zu fahren, ist ein Provisorium. Weil das Haus am Römerberg saniert wird, zeigt die Schirn Kunsthalle ihre Ausstellungen seit September 2025 in der ehemaligen Dondorf-Druckerei am Gabriel-Riesser-Weg 3. Der Backsteinbau von 1890 ist einer der letzten Industriebauten des Viertels. Die jüdische Familie Dondorf druckte hier Spielkarten, Wertpapiere und Banknoten, bis der Betrieb 1933 beschlagnahmt und die Familie verfolgt wurde. Nach dem Interim ist das Gebäude übrigens für die HfMDK vorgesehen.

Geöffnet ist Dienstag bis Sonntag von 10 bis 19 Uhr, donnerstags bis 22 Uhr, der Eintritt kostet 7 Euro (Stand 2026). Ab dem 1. Oktober 2026 zeigt die Schirn die tschechische Bildhauerin Anna Hulačová, ab dem 23. Oktober folgt eine große Retrospektive zu Leonor Fini. Alles Weitere zu Programm, Preisen und Ermäßigungen steht in meinem Artikel über die Schirn Kunsthalle und ihren Umzug. Das Café B im Innenhof ist für mich der eigentliche Gewinn des Interims: ein Hof, in dem Nachbarn, Studierende und Ausstellungsbesucher ganz selbstverständlich nebeneinandersitzen.

Senckenberg und Palmengarten: die großen Nachbarn

Zwei der bekanntesten Frankfurter Ziele liegen in Laufweite der Warte, auch wenn sie formal zum Westend gehören. Das Senckenberg Naturmuseum an der Senckenberganlage 25 ist an drei Seiten vom alten Campus umschlossen, vom U-Bahn-Ausgang sind es nur ein paar Schritte bis zum Tyrannosaurus auf dem Vorplatz. Was drinnen lohnt und was der Eintritt kostet, steht in meinem Guide zum Senckenberg Naturmuseum. Nach Norden sind es zu Fuß gut zehn Minuten bis zum Palmengarten, und damit haben Sie für einen Familientag schon alles beisammen: Dinosaurier am Vormittag, Tropenhäuser am Nachmittag.

Messe, Festhalle und die Frage nach dem Auto

Im Süden grenzt Bockenheim an das Messegelände, und das merkt man. An großen Messetagen und bei Konzerten in der Festhalle sind die Straßen rund um die Hamburger Allee und die Emser Brücke voll, und die Parkplatzsuche in den Wohnstraßen ist dann aussichtslos. Wer trotzdem mit dem Wagen kommt, sollte sich vorher die Parkhäuser rund um Festhalle und Messegelände samt Konzertpauschale ansehen. Für alle anderen gilt: Bockenheim ist mit öffentlichen Verkehrsmitteln hervorragend angebunden, das Auto brauchen Sie hier nicht.

Anfahrt: U-Bahn, Straßenbahn und Westbahnhof

Der zentrale Knoten ist die Bockenheimer Warte: Hier halten die U4, U6 und U7 und die Straßenbahn 16. Von der Hauptwache sind Sie mit U6 oder U7 in wenigen Minuten da, vom Hauptbahnhof direkt mit der U4. Tiefer ins Viertel führen die U6 und U7 weiter zu den Stationen Leipziger Straße und Kirchplatz. Am Westbahnhof im Süden halten S-Bahnen und Regionalzüge.

Viele Messegäste übernachten in Bockenheim, weil es nah am Gelände und günstiger als die Innenstadt ist. Wer vom Flughafen kommt, fährt mit der S-Bahn bis zum Hauptbahnhof und steigt in die U4 um. Mit Gepäck spät am Abend ist das Taxi bequemer; was die Fahrt vom Flughafen in die Stadt ungefähr kostet, zeigt der Taxirechner für den Flughafen Frankfurt mit Richtpreisen nach Entfernung. Und damit die Rückreise entspannt beginnt, lohnt vorher ein Blick darauf, welches Terminal Ihre Airline am Frankfurter Flughafen nutzt; seit Terminal 3 in Betrieb ist, sitzt nicht mehr jede Fluggesellschaft dort, wo sie früher war. Wer nachts aus einer Bockenheimer Kneipe heim will und zwischen Taxi und App schwankt, findet bei den Kollegen einen nüchternen Vergleich, was Uber in Deutschland kostet und wann der Taxitarif günstiger ist.

Mein Bockenheim-Donnerstag

Wenn ich Besuch habe, lege ich Bockenheim gern auf einen Donnerstag. Wir starten gegen elf am Markt an der Warte, holen uns etwas auf die Hand und schauen dem Straßenbahnwagen beim Aus-dem-Boden-Brechen zu. Dann geht es die paar Minuten zur Schirn, eine Ausstellung in Ruhe, danach Kaffee im Hof. Am Nachmittag schlendern wir die Leipziger Straße hinauf, stöbern in den Lebensmittelläden und biegen am Ende zum Kurfürstenplatz ab. Und weil die Schirn donnerstags bis 22 Uhr offen hat, lässt sich der Tag auch umgekehrt bauen: nachmittags Markt und Leipziger Straße, abends Ausstellung, zum Schluss ein Glas Wein im Hinterhof an der Schloßstraße.

Bockenheim ist kein schönes Viertel im Postkartensinn. Es hat Brüche, Leerstand und Baustellen, und es trägt sein Studentenerbe mit einer gewissen Unordnung. Aber es ist ehrlich, international und gerade in Bewegung wie kaum ein anderer Stadtteil. Wer Frankfurt jenseits von Römer und Skyline verstehen will, sollte hier einen halben Tag verbringen, solange die Kunst noch in der Druckerei hängt und der Kulturcampus noch ein Versprechen ist.

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