Frankfurt Guide
DE / EN
Sehenswürdigkeiten

Höchster Altstadt Frankfurt: Fachwerk, Schloss & Justinuskirche

Gut zehn Minuten mit der S-Bahn – und Sie stehen in der einzigen Frankfurter Altstadt, die 1944 nicht in Trümmer fiel: karolingische Kirche, Schloss am Main, Barockpalast und krumme Fachwerkgassen.

Katharina Vogt
Katharina Vogt
10. Juli 2026 akt. 2. August 2026
Fachwerkhäuser in der Höchster Altstadt

Wenn mich Besucher fragen, wo man in Frankfurt eine echte Altstadt findet, muss ich kurz schlucken. Denn die berühmte Altstadt rund um den Römer, so schön sie ist, wurde in einer einzigen Nacht im März 1944 ausgelöscht und danach in Teilen wieder aufgebaut. Wer eine Altstadt sehen will, die nie aufgehört hat zu existieren, muss aus der Innenstadt hinaus – nach Westen, ans andere Ende der Stadt. Dort, wo der Main einen weiten Bogen macht, liegt Höchst: bis 1928 eine eigene Stadt, heute ein Frankfurter Stadtteil und Heimat des größten geschlossenen Altstadtkerns, den Frankfurt besitzt. Ich fahre mehrmals im Jahr hin, oft nur für einen Nachmittag, und jedes Mal wundere ich mich, wie wenige Frankfurt-Reisende diesen Ort auf dem Zettel haben.

Eine eigene Stadt vor den Toren Frankfurts

Höchst hat eine längere Stadtgeschichte als mancher denkt. Kaiser Karl IV. verlieh dem Ort 1355 die Stadtrechte, ein Jahr später kam das Marktrecht dazu. Über Jahrhunderte gehörte Höchst zu Kurmainz, war also erzbischöflich und nicht frankfurterisch – zwei konkurrierende Mächte, getrennt nur durch ein paar Flusskilometer. Erst am 1. April 1928 wurde die bis dahin selbstständige Stadt Höchst am Main nach Frankfurt eingemeindet, vor allem, um die großen Chemiewerke zur späteren I.G. Farben zusammenzuführen. Diese lange Eigenständigkeit spürt man bis heute: Höchst hat ein eigenes Zentrum, ein eigenes Selbstbewusstsein und eben eine eigene Altstadt.

Dass diese Altstadt überhaupt noch steht, grenzt an ein Wunder. Während die Frankfurter Innenstadt im Bombenkrieg fast vollständig verbrannte, kam Alt-Höchst mit einem blauen Auge davon – bei einem Luftangriff 1940 wurden nur wenige Häuser zerstört. So blieb hier ein ganzes historisches Viertel im Zusammenhang erhalten, nicht als Kulisse, sondern als gewachsener Ort. 1972 stellte die Stadt die komplette Altstadt unter Denkmalschutz. Wenn Sie ohnehin gern die verschiedenen Gesichter der Stadt vergleichen, lohnt sich ein Blick in meinen Überblick über die Frankfurter Stadtteile – Höchst ist darin der Beweis, dass Frankfurt viel mehr ist als Bankentürme.

Die Justinuskirche: 1.200 Jahre über dem Main

Beginnen sollten Sie mit dem ältesten Bauwerk der Stadt – und das steht nicht am Römer, sondern hier in Höchst. Die Justinuskirche ist eine karolingische Basilika, deren Kern nach heutigem Forschungsstand um das Jahr 850 entstand; eine dendrochronologische Untersuchung datiert das Holz auf „850 ±8 Jahre”. Geweiht wurde sie um die Mitte des 9. Jahrhunderts, der Überlieferung nach durch Erzbischof Hrabanus Maurus von Mainz, einen der gelehrtesten Männer seiner Zeit. Damit ist die Justinuskirche nicht nur das älteste erhaltene Gebäude Frankfurts, sondern eine der ältesten Kirchen Deutschlands überhaupt – seit rund 1.200 Jahren ununterbrochen in Gebrauch.

Was den Innenraum so besonders macht, sind die Säulen: eine dreischiffige, sechsjochige Basilika, deren Rundsäulen von korinthisierenden Kapitellen gekrönt werden. Diese Kapitelle zählen zu den bedeutendsten Zeugnissen karolingischer Bauplastik nördlich der Alpen – man steht wirklich vor Steinmetzarbeit aus der Zeit Karls des Großen und seiner Nachfolger. Rund sechs Jahrhunderte später, ab 1441, ergänzte der Antoniterorden einen hochgotischen Chor mit sieben Maßwerkfenstern; Baumeister war Steffan von Irlebach. So treffen unter einem Dach zwei Welten aufeinander: die schwere, klare Karolingerzeit und die filigrane Spätgotik.

Ein Detail, das ich Besuchern gern erzähle: Ihren Namen trägt die Kirche vom heiligen Justinus, doch als dessen Reliquien 1298 fortgebracht wurden, wählte man die heilige Margareta von Antiochia zur neuen Patronin. Der alte Name blieb trotzdem hängen – ein kleiner Beleg dafür, wie zäh sich Gewohnheiten über Jahrhunderte halten. Die Kirche ist zugleich ein wunderbarer Konzertraum; prüfen Sie vor der Anreise kurz die Öffnungs- und Konzerttermine, denn die Innenbesichtigung ist nicht durchgehend möglich.

Das Höchster Schloss und der Schlossplatz

Nur ein paar Schritte weiter, direkt über dem Wasser, steht das Höchster Schloss. Es war einst Sitz kurmainzischer Amtleute; nach dem Ende der Mainzer Stiftsfehde bezog 1463 der abgesetzte Erzbischof Diether von Isenburg hier Quartier. Der wuchtige Turm, rund 50 Meter hoch, verrät die Baugeschichte auf einen Blick: Sein Kern ist ein gotischer Bergfried, gekrönt von einer barocken Haube aus dem Jahr 1681. Das repräsentative Torhaus mit seinen Säulenordnungen und der Renaissancebau daneben stammen im Wesentlichen aus dem späten 16. Jahrhundert – das Alte Schloss in seiner heutigen Gestalt wurde 1586 errichtet.

Das Schloss ist heute denkmalgeschützt und wird für kulturelle Veranstaltungen genutzt; im Inneren finden Sie also nicht überall frei zugängliche Ausstellungen, wohl aber immer wieder Konzerte und Feste. Frei zugänglich und in meinen Augen der schönste Teil ist ohnehin der Schlossplatz davor: eine kleine, kopfsteingepflasterte Bühne am Fluss, von der aus Sie über den Main blicken. Eine hübsche Tradition hat sich am Turm gehalten – zur Weihnachtszeit erklingt von dort seit dem 16. Jahrhundert das Turmblasen. Setzen Sie sich einen Moment auf die Stufen, schauen Sie den Ausflugsschiffen nach, und Sie verstehen, warum die Höchster ihren Platz am Wasser so mögen.

Der Bolongaropalast: Barock, Tabak und Napoleons letzte Nacht

Der vielleicht überraschendste Bau in Höchst ist kein Kirchen- oder Burgbau, sondern ein Palast, den zwei italienische Kaufleute errichten ließen. Die Brüder Josef Maria Markus und Jakob Philipp Bolongaro stammten aus Stresa am Lago Maggiore und hatten in Frankfurt seit 1735 die damals größte Schnupftabakfabrik Europas aufgebaut. Von 1772 bis 1774 ließen sie sich in Höchst einen gewaltigen barocken Palast bauen: ein hufeisenförmiger Bau mit einer rund 117 Meter langen Straßenfront, 240 Räumen und Terrassengärten, die einst bis zum Main hinunterreichten. Für einen Stadtteil, der sonst von Fachwerk und Sandstein lebt, ist dieser italienische Prunk ein echter Ausreißer – und der Grund, warum die Hauptstraße der Altstadt bis heute Bolongarostraße heißt.

Seine berühmteste Nacht erlebte der Palast im Herbst 1813. Nach der verlorenen Völkerschlacht bei Leipzig verbrachte Napoleon hier vom 1. auf den 2. November seine letzte Nacht auf damals deutschem Boden, bevor er sich über den Rhein nach Frankreich zurückzog. Heute beherbergt der Bolongaropalast die Höchster Ortsverwaltung und ein Standesamt. Ein ehrlicher Hinweis für 2026: Der Palast wird seit 2017 aufwendig saniert, die Arbeiten sollen noch einige Jahre dauern. Rechnen Sie also mit Gerüsten und eingeschränktem Zugang – die Straßenfront lässt die Dimensionen aber auch von außen erahnen.

Porzellan aus Höchst

Höchst ist auch ein Name in der Welt des Porzellans. 1746 wurde hier die Höchster Porzellanmanufaktur gegründet – nach Meißen die zweitälteste Porzellanmanufaktur Deutschlands und die einzige in Hessen. Schon 1750 gelangen die ersten guten Brände; berühmt wurde die Manufaktur vor allem für ihre feinen Rokoko-Figuren und für ihre Marke, das Mainzer Rad. Der erste Betrieb ging 1796 in Konkurs, doch die Tradition wurde 1947 wiederbelebt. Wer sich für die zarten Figürchen und das Geschirr begeistern kann, sollte dem Porzellan-Museum in Höchst einen Besuch abstatten – es zeigt die Geschichte dieser Manufaktur an Ort und Stelle, nur wenige Gassen von der Justinuskirche entfernt.

Durch die Fachwerkgassen

So sehenswert die großen Monumente sind – der eigentliche Zauber von Höchst liegt im Bummeln. Die Altstadt folgt noch immer ihrem mittelalterlichen Grundriss, und viele Häuser stammen aus der Zeit nach dem großen Stadtbrand von 1586. Zwischen Königsteiner Straße, Melchiorstraße und dem Fluss reihen sich enge, leicht abschüssige Gassen aneinander, in denen sich Fachwerkgiebel über das Kopfsteinpflaster neigen. Nehmen Sie sich Zeit, biegen Sie planlos ab, schauen Sie auf die Details: geschnitzte Balken, schiefe Fensterreihen, kleine Innenhöfe. Anders als in vielen herausgeputzten Altstädten wirkt hier nichts wie für Touristen inszeniert, weil es nie neu gebaut werden musste.

Rund um den Schlossplatz und die Bolongarostraße finden Sie Cafés, kleine Läden und Wirtschaften für eine Pause. Höchst ist kein Freilichtmuseum, sondern ein bewohntes Viertel – und genau das macht den Reiz aus. Für alle, die diese stilleren Seiten der Stadt lieben, habe ich weitere Vorschläge in meinen Frankfurter Geheimtipps gesammelt; Höchst gehört für mich zu den lohnendsten davon.

Am Main: die Fähre nach Schwanheim

Höchst und der Main gehören zusammen. Schon seit dem 17. Jahrhundert gibt es an dieser Stelle eine Fährverbindung über den Fluss; heute bringt Sie eine kleine Personen- und Radfähre ans südliche Ufer nach Schwanheim. Für mich ist das einer der schönsten kurzen Ausflüge der ganzen Stadt: hinüberschippern, drüben durch die Auen und Richtung Schwanheimer Düne spazieren, wo mitten im Rhein-Main-Gebiet echte Binnendünen liegen, und später wieder zurück. Die Fähre verkehrt saisonal und wetterabhängig, meist im Sommerhalbjahr – ein Blick auf die aktuellen Zeiten vor der Anreise schadet nicht.

Das Höchster Schlossfest

Wenn Sie Ihren Besuch zeitlich planen können, treffen Sie es idealerweise auf das Höchster Schlossfest. Es findet seit 1957 jeden Sommer statt, läuft über rund vier Wochen ab Mitte Juni und verwandelt Schloss, Schlossplatz und Altstadt in eine große Kulturbühne: Theater, Konzerte, Lesungen und zum Abschluss ein Feuerwerk über dem Main. Es ist ein sympathisch unaufgeregtes Stadtteilfest mit langer Tradition, weit entfernt vom Rummel großer Volksfeste. Wer die Altstadt außerhalb dieser Wochen besucht, findet dafür mehr Ruhe – beides hat seinen Reiz.

So kommen Sie hin

Die Anreise ist unkompliziert, und ich rate ausdrücklich zur Bahn. Der Bahnhof Frankfurt-Höchst ist der zweitgrößte der Stadt und das Verkehrsdrehkreuz des Frankfurter Westens. Vom Hauptbahnhof bringen Sie die S-Bahn-Linien S1 (Richtung Wiesbaden) und S2 (Richtung Niedernhausen) in gut zehn Minuten hierher; von der Hauptwache im Zentrum sind es rund eine Viertelstunde. Zusätzlich halten zahlreiche Regionalzüge in Höchst. Vom Bahnhof sind es etwa zehn Gehminuten hinunter in die Altstadt Richtung Main. Vom Auto rate ich ab: Die engen Gassen sind zum Bummeln da, nicht zum Parkplatzsuchen, und mit der S-Bahn sind Sie ohnehin schneller.

Mein Nachmittag in Höchst

Wenn Sie mich nach dem idealen Ablauf fragen: Steigen Sie am Bahnhof Höchst aus und laufen Sie hinunter zur Justinuskirche – erst das Älteste, solange Sie noch frisch sind. Weiter zum Schloss, ein paar Minuten auf den Stufen am Schlossplatz, den Blick über den Main genießen. Dann treiben lassen durch die Fachwerkgassen, vorbei am Bolongaropalast, mit einem Abstecher zum Porzellan. Wer mag, nimmt zum Schluss die Fähre hinüber nach Schwanheim und wieder zurück, bevor es in einem der Cafés an der Bolongarostraße einen Kaffee gibt. Ein halber Tag reicht dafür bequem; wer trödelt, füllt problemlos einen ganzen.

Höchst ist für mich der beste Beweis, dass man Frankfurt unterschätzt, solange man nur die Skyline kennt. Hier steht die älteste Kirche der Stadt, ein Schloss am Fluss und ein Palast, in dem Napoleon übernachtet hat – und drumherum ein Fachwerkviertel, das echt ist, weil es den Krieg überlebt hat. Nehmen Sie die S-Bahn, lassen Sie sich Zeit, und Sie entdecken ein Frankfurt, das Jahrhunderte älter wirkt als der Rest der Stadt.

#höchst#altstadt#fachwerk#justinuskirche#bolongaropalast