Neue Altstadt Frankfurt: Dom-Römer-Areal, Geschichte & Rundgang
35 Häuser, 15 originalgetreue Rekonstruktionen und ein Prunkstück namens Goldene Waage: Wie Frankfurt sich seine verlorene Altstadt zurückholte.
Wenn Sie zwischen Kaiserdom und Römer durch enge, kopfsteingepflasterte Gassen schlendern, an bunten Fachwerkgiebeln vorbei und über den kleinen Hühnermarkt, dann stehen Sie in der Neuen Altstadt – dem vielleicht ungewöhnlichsten Stadtviertel Frankfurts. Denn was hier so alt aussieht, ist erst 2018 fertig geworden. Ich erzähle Ihnen, wie es zu diesem außergewöhnlichen Projekt kam, was Sie unbedingt ansehen sollten und wie Sie den perfekten Rundgang planen.
Was ist die Neue Altstadt?
Die Neue Altstadt, offiziell Dom-Römer-Areal, ist ein rund 7.000 Quadratmeter großes Quartier im historischen Herzen Frankfurts, zwischen dem Kaiserdom St. Bartholomäus im Osten und dem Römerberg im Westen. Auf diesem Gelände stand bis zum Zweiten Weltkrieg die dicht bebaute mittelalterliche Altstadt – eines der größten Fachwerk-Ensembles Deutschlands. In den Bombennächten des März 1944 wurde sie fast vollständig zerstört.
Nach dem Krieg blieb das Areal lange Brachland, später stand hier das ungeliebte Technische Rathaus aus den 1970er-Jahren. Erst als dieser Betonbau abgerissen wurde, entstand die Chance, das historische Viertel neu zu denken.
Das Dom-Römer-Projekt: Geschichte einer Rekonstruktion
Zwischen 2012 und 2018 entstand hier im Rahmen eines der ambitioniertesten städtebaulichen Vorhaben Deutschlands die Neue Frankfurter Altstadt. Insgesamt wurden 35 Häuser neu errichtet – darunter 15 sogenannte schöpferische Nachbauten, also möglichst originalgetreue Rekonstruktionen historischer Altstadthäuser, für die zum Teil erhaltene Spolien (originale Bauteile wie Portale, Wappensteine oder Figuren) wiederverwendet wurden. Die übrigen Gebäude sind moderne Neubauten, die sich in Maßstab, Material und Dachform bewusst in das historische Bild einfügen.
Das Areal wurde am 9. Mai 2018 für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Vom 28. bis 30. September 2018 feierte Frankfurt die Eröffnung mit einem großen Altstadtfest, zu dem mehr als 250.000 Besucher kamen. Die Gesamtkosten des Projekts lagen bei rund 200 Millionen Euro, von denen etwa 75 Millionen Euro über den Verkauf der Wohnungen wieder hereinkamen.
Das Projekt war nicht unumstritten: Kritiker sahen darin eine geschönte Kulisse, Befürworter die Rückgewinnung einer verlorenen Stadtidentität. Wenn Sie heute hindurchgehen, dürfen Sie sich Ihr eigenes Urteil bilden – die Debatte gehört zum Ort dazu.
Die schönsten Häuser und Plätze
Herzstück des Viertels ist der Hühnermarkt, ein kleiner, gemütlicher Platz mit dem Stoltze-Brunnen, benannt nach dem Frankfurter Mundartdichter Friedrich Stoltze. Rundherum reihen sich die schönsten Rekonstruktionen.
Nicht verpassen sollten Sie:
- Haus zur Goldenen Waage: Das Prunkstück des Areals, ein prächtiges Fachwerkhaus der Spätrenaissance mit reich verzierter Fassade und einem wiederhergestellten Dachgärtchen (Belvederchen).
- Die Häuserzeile am Hühnermarkt: eng aneinandergebaute Giebelhäuser, die das mittelalterliche Straßenbild wieder aufleben lassen.
- Der Krönungsweg: die historische Route, auf der die römisch-deutschen Kaiser nach ihrer Krönung im Dom zum Festmahl im Römer zogen. Sie durchqueren das Viertel auf genau diesem Weg.
- Der Archäologische Garten: direkt am Dom können Sie die freigelegten Fundamente einer römischen Siedlung und einer karolingischen Königspfalz bestaunen – überdacht und frei zugänglich.
Ein Rundgang durch die Neue Altstadt
Am besten starten Sie am Römerberg mit seinen berühmten Fachwerkfassaden und dem Römer, dem Rathaus Frankfurts. Von dort tauchen Sie in die Gassen der Neuen Altstadt ein, folgen dem Krönungsweg Richtung Osten und lassen sich am Hühnermarkt Zeit. Werfen Sie einen Blick in die Schaufenster der kleinen Läden und Cafés, die sich in den Häusern eingerichtet haben.
Am Ende erreichen Sie den Kaiserdom St. Bartholomäus, in dem über Jahrhunderte die deutschen Könige gewählt und gekrönt wurden. Ein Aufstieg auf den Domturm (bei geöffneter Aussichtsplattform) belohnt Sie mit einem herrlichen Blick über die Altstadt und die Skyline. Direkt nebenan lohnt das Historische Museum, das mit dem Altstadtmodell der Brüder Treuner zeigt, wie das Viertel vor der Zerstörung aussah – die perfekte Ergänzung zu Ihrem Spaziergang.
Für die reine Runde durch die Neue Altstadt reichen 45 bis 60 Minuten. Wer Dom, Römer, Museum und eine Kaffeepause einplant, sollte einen halben Tag einrechnen.
Praktische Tipps
- Anfahrt: Am besten mit der U-Bahn bis Station Römer (U4/U5) oder Dom/Römer. Das Viertel ist autofrei und nur zu Fuß erkundbar.
- Beste Zeit: Früh am Morgen oder am späten Nachmittag ist es ruhiger und das Licht auf den Fassaden am schönsten. Am Wochenende und in der Weihnachtszeit wird es voll.
- Weihnachtsmarkt: Rund um Römerberg und Neue Altstadt findet einer der schönsten Weihnachtsmärkte Deutschlands statt – ein besonderes Erlebnis.
- Fotografieren: Der Hühnermarkt und die Goldene Waage sind die beliebtesten Motive – kommen Sie früh, wenn Sie sie menschenleer erwischen wollen.
- Kombinieren: Verbinden Sie den Besuch mit dem Historischen Museum, dem Dom und einem Bummel über den Römerberg zu einem runden Altstadt-Tag.
Lohnt sich der Besuch?
Unbedingt. Die Neue Altstadt ist ein außergewöhnlicher Ort – kein echtes Mittelalter, aber auch keine reine Kulisse, sondern der ernsthafte Versuch, einer Stadt ein Stück Identität zurückzugeben. Genau diese Spannung zwischen Rekonstruktion und Gegenwart macht das Viertel so interessant. Wo sonst laufen Sie über einen mittelalterlichen Krönungsweg, während wenige hundert Meter weiter die Bankentürme in den Himmel ragen?
Mein Rat: Nehmen Sie sich Zeit, schauen Sie in die Höfe und Details, und lesen Sie an den Häusern die kleinen Tafeln zu ihrer Geschichte. Kombinieren Sie den Spaziergang mit Dom und Historischem Museum, dann verstehen Sie nicht nur, wie schön die Neue Altstadt ist, sondern auch, warum sie für Frankfurt so viel bedeutet.
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