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Sehenswürdigkeiten

Caricatura Museum Frankfurt: Komische Kunst am Weckmarkt

Im ältesten Kern der Altstadt hängt Deutschlands frechste Kunst: Gernhardt, Waechter, „Titanic“ – und ein Museum, in dem Lachen ausdrücklich erwünscht ist.

Katharina Vogt
Katharina Vogt
25. Juni 2026 akt. 2. August 2026
Comiczeichnungen als Symbol für die Komische Kunst im Caricatura

Die meisten Museen verlangen eine gewisse Andacht: leise sprechen, ehrfürchtig nicken, bloß nicht lachen. Im Caricatura ist es genau umgekehrt. Wenn ich hier durch die Räume gehe und nicht mindestens einmal laut auflache, habe ich etwas falsch gemacht. Genau das macht dieses Haus am Weckmarkt für mich zu einer der erfrischendsten Adressen der Frankfurter Altstadt – ein Museum, das sich der Komischen Kunst verschrieben hat und diese Kunst ernst nimmt, ohne sich selbst ernst zu nehmen. Auf den folgenden Zeilen erfahren Sie, was dahintersteckt, warum ausgerechnet Frankfurt die heimliche Hauptstadt der deutschen Satire ist und wie Sie Ihren Besuch am klügsten planen.

Frankfurt, die heimliche Hauptstadt der Satire

Dass die schärfste deutsche Satire seit Jahrzehnten aus Frankfurt kommt, wissen selbst viele Einheimische nicht. Dabei begann hier 1962 mit dem Magazin „Pardon“ die moderne deutsche Zeitschriftensatire, und aus demselben Umfeld ging Ende der 1970er-Jahre das bis heute berüchtigte Satiremagazin „Titanic“ hervor – jenes Blatt mit dem Untertitel „Das endgültige Satiremagazin“, das seither zuverlässig für Schlagzeilen und den einen oder anderen Prozess sorgt.

Ein kurzer, aber wichtiger Hinweis, weil das immer wieder für Verwirrung sorgt: Wenn im Caricatura von „Titanic“ die Rede ist, geht es nicht um das Schiff und schon gar nicht um den Film. Gemeint ist das Satiremagazin, das eng mit dieser Stadt und mit den Zeichnern verbunden ist, um die sich das ganze Haus dreht. Das Caricatura Museum wurde gegründet, um genau dieses Erbe zu bewahren – und ist bis heute das einzige Museum in Deutschland, das sich ausschließlich der Komischen Kunst widmet: Cartoons, Karikaturen, Comics und satirischen Zeichnungen, mal bissig-politisch, mal absurd-verspielt, aber immer mit einem Augenzwinkern.

Die Neue Frankfurter Schule: kluger Unsinn mit Methode

Das Herzstück des Museums ist die Sammlung rund um die Neue Frankfurter Schule. Der Name ist ein Witz für sich: Er spielt ironisch auf die berühmte „Frankfurter Schule“ der Philosophen Adorno und Horkheimer an – nur dass diese neue Schule statt kritischer Theorie den kunstvollen Blödsinn zur Methode erhob. Zu ihr gehören die Zeichner Robert Gernhardt, F. K. Waechter, F. W. Bernstein, Chlodwig Poth und Hans Traxler sowie Autoren wie Bernd Eilert, Eckhard Henscheid und Pit Knorr. Zusammen haben sie den deutschen Humor der Nachkriegszeit geprägt wie kaum eine andere Gruppe.

Was diese Namen konkret bedeuten, merkt man erst vor den Originalen. Robert Gernhardt war nicht nur Zeichner und Dichter, sondern schrieb auch Gags für die frühen Filme von Otto Waalkes – sein hintersinniger Humor hat also Millionen erreicht, die den Namen gar nicht kannten. F. W. Bernstein stammt der wohl meistzitierte deutsche Zweizeiler: „Die schärfsten Kritiker der Elche waren früher selber welche.“ Hans Traxler entlarvte in „Die Wahrheit über Hänsel und Gretel“ mit todernster Miene ein Märchen als Kriminalfall, und Chlodwig Poth zeichnete mit „Last Exit Sossenheim“ eine ganze Comic-Chronik der Frankfurter Vorstadt-Tristesse. F. K. Waechter wiederum wurde als Kinderbuch-Zeichner und „Titanic“-Mitbegründer berühmt. Vor diesen Blättern zu stehen, ist deshalb mehr als ein Schmunzeln: Man sieht, wie viel Handwerk, Beobachtungsgabe und Melancholie in einer guten Karikatur stecken.

Das Leinwandhaus: 600 Jahre unter einem Dach

Kaum ein Ausstellungsort in Frankfurt passt so gut und so paradox zu seinem Inhalt wie dieser. Das Leinwandhaus am Weckmarkt entstand um 1400 und gehört zu den ganz wenigen Bauten, die noch an das mittelalterliche Frankfurt erinnern. In seiner langen Geschichte diente es als Gerichtsgebäude, Gefängnis, Hospital, Markthalle und Museum – es hat also schon alles gesehen, bevor hier die Cartoons einzogen. Im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigt, wurde es 1984 wieder aufgebaut und steht heute unter Denkmalschutz.

Für den Einzug des Museums richteten die Architekten Diezinger + Kramer das Haus 2007/2008 behutsam her; die Sanierung wurde 2011 mit dem „best architect award“ ausgezeichnet. Der Reiz liegt genau in diesem Kontrast: Man betritt uralte, dickwandige Gemäuer und findet darin die frechste, jüngste Kunst der Stadt. Auf rund 250 Quadratmetern im Erdgeschoss laufen die großen Wechselausstellungen, im ersten Stock warten die Sammlungsausstellung und der intime „Caricatura Salon“, und ganz oben liegen Lounge und Bibliothek.

Was Sie sehen: Sammlung, Salon und wechselnde Schauen

Das Museum lebt von zwei Herzschlägen. Der eine ist die Sammlungsausstellung im ersten Stock, in der die Meister der Komischen Kunst in wechselnden Zusammenstellungen gezeigt werden – hier begegnen Sie den Originalen der Neuen Frankfurter Schule. Der andere sind die Sonderausstellungen im Erdgeschoss, die einzelnen Zeichnerinnen und Zeichnern, Themen oder aktuellen Strömungen gewidmet sind und mehrmals im Jahr wechseln. Genau deshalb lohnt das Caricatura auch beim zweiten und dritten Mal: Man sieht selten dasselbe.

Wie lebendig das Programm ist, zeigt der aktuelle Blick ins Erdgeschoss: Bis in den Januar 2027 läuft eine große Retrospektive der Cartoonistin Katharina Greve (bis 17. Januar 2027), die ihr Werk vom klassischen Cartoon über Fotoarbeiten bis zur Objektkunst spannt. Bis dieser Text Sie erreicht, kann längst eine andere Schau hängen – das ist gewollt, und es ist der Grund, warum ich Stammbesucherin bin. Dass das Haus nicht nur unterhält, sondern als seriöse Kulturinstitution gilt, bestätigte 2020 der Hessische Kulturpreis, eine der höchstdotierten Kulturauszeichnungen Deutschlands.

Ein Wort zur Einordnung: Das Caricatura war von 2000 bis 2008 zunächst eine Abteilung des Historischen Museums, bevor es am 1. Oktober 2008 als eigenes Haus am Weckmarkt eröffnete. Seit 2019 ist es eine selbstständige Einrichtung des Kulturamts, und seit 2024 leitet Martin Sonntag das Museum, das der langjährige Direktor Achim Frenz aufgebaut hatte.

Preise, Zeiten und wer gratis hineinkommt

Der Eintritt ist im Vergleich zu den großen Häusern angenehm moderat (Stand 2026):

  • Erwachsene: 8,00 Euro
  • Ermäßigt: 4,00 Euro
  • Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren: frei

Über den freien Eintritt für unter 18-Jährige hinaus kommen auch Auszubildende über 18, Studierende bestimmter Frankfurter Hochschulen sowie Inhaber der Museumsuferkarte, der Ehrenamtskarte Hessen und der JULEICA kostenlos hinein. Wer ohnehin mehrere Häuser besuchen möchte, fährt mit der MuseumsuferCard günstiger: Sie kostet 89 Euro für eine Person und 150 Euro für eine Familie und öffnet ein ganzes Jahr lang die Türen von rund vier Dutzend Frankfurter Museen. Warum sich das lohnt und welche Häuser dazugehören, habe ich im Artikel über das Museumsufer und die Frankfurter Museumsmeile ausführlich beschrieben.

Geöffnet ist das Museum Dienstag bis Sonntag von 11 bis 19 Uhr, montags bleibt es geschlossen. Die langen Öffnungszeiten bis in den frühen Abend sind eine Wohltat, wenn Sie den Besuch mit einem Altstadtbummel verbinden möchten – Sie müssen nicht schon mittags dort sein. Zwei praktische Details, die viele überraschen: Eintrittskarten können nicht im Voraus reserviert werden, es gibt sie nur an der Kasse vor Ort – bei einem so überschaubaren Haus ist das aber selten ein Problem. Und für die Garderobenschließfächer brauchen Sie ein Ein-Euro-Stück als Pfand, das Sie hinterher zurückbekommen. Das Museum ist über Rampen und Aufzug vollständig barrierefrei zugänglich.

Anfahrt: mit U-Bahn und Tram mitten hinein

Das Caricatura liegt am Weckmarkt 17, 60311 Frankfurt am Main, im ältesten Kern der Altstadt zwischen Dom und Römer. Am bequemsten kommen Sie mit der U-Bahn: Die Linien U4 und U5 halten an der Station Dom/Römer, von dort sind es nur zwei, drei Minuten zu Fuß. Mit der Straßenbahn steigen Sie an der Haltestelle Römer/Paulskirche aus, die von den Linien 11, 12 und 14 bedient wird. Vom Auto rate ich in der Altstadt ab: Parkplätze sind teuer und rar, die kurzen Wege mit Bahn oder Tram ersparen Ihnen die Sucherei.

Mein Nachmittag rund ums Leinwandhaus

Wenn mich Freunde fragen, wie sie den Besuch am besten einbauen, empfehle ich, ihn nicht als Solo-Termin zu planen, sondern als Teil eines Altstadt-Nachmittags. Rund um den Weckmarkt liegt fast alles, was Frankfurts historische Mitte ausmacht, in Gehweite: der Kaiserdom, der Römerberg mit dem Rathaus und die wiederaufgebaute Neue Altstadt zwischen Dom und Römer. Ich beginne meist mit einer Runde durch diese Gassen – wer Lust auf Kontext hat, findet in meinem historischen Spaziergang durch die Frankfurter Altstadt und den Römer eine fertige Route. Danach ins Caricatura, für das ich ein bis zwei entspannte Stunden einplane; mehr braucht das kompakte Haus nicht, weniger wäre schade. Zum Schluss lohnt der Blick in den Museumsshop, wo Bücher, Drucke und Postkarten der großen Zeichner auf Sie warten – schönere und persönlichere Mitbringsel als den üblichen Skyline-Kitsch werden Sie in Frankfurt kaum finden.

Ein letzter Tipp für alle, die abseits der offensichtlichen Ziele suchen: Das Caricatura selbst gilt vielen Besuchern noch als Geheimtipp, und es passt bestens zu den anderen unaufgeregten Ecken, die ich in meinem Artikel über die Frankfurter Geheimtipps versammelt habe. Ein Cartoon lebt von deutschem Wortwitz, das stimmt – mit Deutschkenntnissen haben Sie hier noch mehr Freude. Aber die reine Bildkomik der Neuen Frankfurter Schule funktioniert über alle Sprachgrenzen hinweg. Am Ende ist das Caricatura genau das, was ein Museum viel zu selten sein darf: ein Ort, an dem das Lachen nicht nur geduldet, sondern ausdrücklich erwünscht ist – und der einem dabei ganz nebenbei erstaunlich viel über Politik, Gesellschaft und uns selbst erzählt.

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