Porzellan-Museum Frankfurt: Höchster Porzellan im Kronberger Haus
In Höchst am Main entstand 1746 die zweitälteste Porzellanmanufaktur Deutschlands. Wo Sie das „weiße Gold“ heute sehen, was die Marke verrät und wie Sie den Besuch mit der Altstadt verbinden.
Porzellan wirkt heute selbstverständlich – ein Kaffeeservice, eine Vase, eine kleine Figur auf dem Regal. Im 18. Jahrhundert aber war es das „weiße Gold“: ein Luxusgut, für das europäische Fürsten Vermögen ausgaben und dessen Rezept gehütet wurde wie ein Staatsgeheimnis. Dass ausgerechnet Frankfurt an dieser Geschichte einen prominenten Anteil hat, wissen selbst viele Einheimische nicht. Denn im Westen der Stadt, in Höchst am Main, wurde 1746 die zweitälteste Porzellanmanufaktur Deutschlands gegründet – und ein Teil ihrer schönsten Stücke steht bis heute nur wenige S-Bahn-Minuten vom Hauptbahnhof entfernt.
Gleich vorweg, weil es oft verwechselt wird: Die historische Porzellansammlung sehen Sie nicht im markanten Höchster Schloss am Wasser, sondern ein paar Schritte weiter im Kronberger Haus an der Bolongarostraße. Beide liegen in derselben Altstadt, aber wer gezielt wegen des Porzellans kommt, sollte den richtigen Eingang ansteuern. Dazu weiter unten mehr.
„Weißes Gold“: wie das Geheimnis nach Höchst kam
Bis Anfang des 18. Jahrhunderts konnte in Europa niemand echtes Hartporzellan herstellen. Das feine, weiße, durchscheinende Material kam aus China und Japan, war unerschwinglich teuer und galt als Statussymbol schlechthin. Erst in Meissen gelang um 1708/09 der Durchbruch – und von da an versuchten Höfe in ganz Europa, das streng gehütete Herstellungsgeheimnis, das sogenannte Arkanum, für sich zu erobern. Wer einen abtrünnigen „Arkanisten“ abwerben konnte, hatte plötzlich die Chance, selbst „weißes Gold“ zu produzieren.
Genau so begann auch die Höchster Geschichte. 1746 gründeten der Kaufmann Johann Christoph Göltz und der Porzellanmaler Adam Friedrich von Löwenfinck unter dem Schutz des Mainzer Kurfürsten die kurfürstlich-mainzische Manufaktur. Höchst gehörte damals zum Herrschaftsgebiet von Kurmainz, und der Kurfürst gab dem Unternehmen sein Privileg. Damit ist Höchst nach Meissen die zweitälteste Porzellanmanufaktur, die in Deutschland gegründet wurde – ein bemerkenswerter Rang für einen Ort, den viele heute nur als Frankfurter Vorort kennen.
Der Anfang war allerdings holprig. In den ersten Jahren, zwischen 1746 und 1750, entstanden in Höchst noch keine Porzellane, sondern nur Fayencen – bunt bemalte Keramik mit deckender Zinnglasur. Der eigentliche Durchbruch kam erst, als 1750 der Arkanist Johann Kilian Benckgraff und der Ofenbauer Josef Ringler nach Höchst kamen: Ihnen gelangen die ersten echten Porzellanbrände. Erst jetzt beherrschte man das Material, um das sich alles drehte. Es ist eine typische Episode dieser Epoche – die Geschichte des frühen Porzellans ist immer auch eine Geschichte des Geheimnisverrats.
Das Mainzer Rad: was die Marke verrät
Wer sich einmal für Höchster Porzellan zu interessieren beginnt, achtet bald auf ein kleines Detail an der Unterseite der Stücke: das Markenzeichen. In Höchst ist das seit jeher das sechsspeichige Rad – das Mainzer Rad, das direkt aus dem Wappen von Kurmainz stammt. Es ist kein Zufalls-Symbol, sondern ein Hoheitszeichen: Es erinnert daran, dass die Manufaktur unter dem Privileg des Mainzer Kurfürsten stand.
Für Sammler ist diese Marke Gold wert, im übertragenen Sinn. Anhand von Form und Farbe des Rads – ob aufgemalt oder in die Masse gedrückt, in welchem Farbton, mit welchen Beizeichen – lassen sich Stücke oft grob einer Zeit zuordnen. Das ist auch der Grund, warum das Rad bis heute geführt wird: Die im 20. Jahrhundert wiederbelebte Manufaktur knüpft bewusst an das alte Zeichen an. Wenn Sie im Museum vor einer Vitrine stehen, lohnt sich also der Blick nicht nur auf die Bemalung, sondern – wo sichtbar – auf diese kleine Signatur.
Die Rokoko-Figuren und Johann Peter Melchior
So schön Höchster Geschirr und Vasen sind – berühmt wurde die Manufaktur vor allem für ihre Figuren. Das Rokoko liebte das Zierliche, das Anmutige, die kleine erzählerische Szene, und kaum ein Werkstoff eignete sich dafür besser als Porzellan. Höchst schuf ganze Serien: Gruppen aus dem höfischen und bürgerlichen Alltag, Musikanten, Gärtnerkinder, Handwerker, mythologische Figuren.
Untrennbar mit diesem Ruhm verbunden ist ein Name: Johann Peter Melchior. Der kurmainzische Hofbildhauer kam 1768 als Modellmeister nach Höchst und prägte den Stil des Hauses über Jahre. Seine Figuren – etwa die feine Genredarstellung „Die Schustersfrau“ von 1770 – zeigen, worin die Kunst lag: nicht in Prunk, sondern in lebendiger Bewegung, in Kindergesichtern und Alltagsgesten, die man dem spröden Material gar nicht zutraut. Wenn Sie im Kronberger Haus vor diesen Figuren stehen, verstehen Sie schnell, warum Höchster Rokoko-Porzellan bis heute auf Auktionen gehandelt wird und in bedeutenden Sammlungen steht.
Die erste Blütezeit endete abrupt: 1796, nach genau fünfzig Betriebsjahren, ging die Manufaktur in Konkurs. Die Napoleonischen Wirren, wirtschaftliche Not und die Konkurrenz anderer Häuser hatten ihr den Boden entzogen. Die Modelle und Formen aber überlebten – und genau das erklärt, warum es später eine Fortsetzung geben konnte.
Wo Sie das historische Porzellan sehen: das Kronberger Haus
Die schönste Gelegenheit, echtes historisches Höchst zu sehen, bietet das Kronberger Haus an der Bolongarostraße 152 in Höchst. Das Gebäude selbst ist eine kleine Sensation: ein Renaissance-Bau, errichtet zwischen 1577 und 1580 im Auftrag des Adligen Franz von Cronberg – also weit älter als die Manufaktur, deren Werke er heute beherbergt. Seit 1994 ist hier das Porzellanmuseum als Außenstelle des Historischen Museums Frankfurt untergebracht, mit rund 1.000 Objekten Höchster Porzellans.
Die Kombination ist genau das, was einen Besuch besonders macht: Sie sehen zerbrechliche Rokoko-Figuren und feines Geschirr nicht in einem nüchternen Neubau, sondern in einem Haus aus fast derselben Epoche, mit historischen Räumen und altem Gebälk. Wer sich für dekoratives Kunsthandwerk begeistert, findet übrigens in der Innenstadt eine weitere große Adresse: Das Museum Angewandte Kunst am Museumsufer sammelt europäisches wie außereuropäisches Kunsthandwerk und ergänzt das Höchster Spezialthema hervorragend.
Ein ehrlicher Hinweis zum Kronberger Haus: Die Öffnungszeiten dieser Außenstelle sind erfahrungsgemäß begrenzt und können sich ändern. Ich nenne hier bewusst keine festen Uhrzeiten, die morgen schon überholt sein könnten – schauen Sie kurz vor Ihrem Besuch auf die Seiten des Historischen Museums Frankfurt oder rufen Sie an. Gerade wenn Sie eigens wegen des Porzellans anreisen, ist dieser eine Anruf gut investiert.
Die Manufaktur heute: eine wechselvolle Wiedergeburt
Und die Manufaktur selbst – gibt es die noch? Ja, aber ihre jüngere Geschichte ist so wechselhaft wie die alte. Auf Betreiben des Höchster Historikers Rudolf Schäfer wurde die Höchster Porzellanmanufaktur 1947 ein zweites Mal gegründet. Nach einer Schließung 1963 nahm sie 1965 mit Unterstützung der Farbwerke Hoechst und der Frankfurter Bank Koch, Lauteren & Co. den Betrieb wieder auf. Man knüpfte an die alten Formen an, führte das Mainzer Rad weiter und stellte Porzellan von Hand her – geformt und bemalt wie zu Melchiors Zeiten. Später residierte die Manufaktur unter anderem im Dalberger Haus, ehe die Produktion 1996 in den „Neuen Porzellanhof“, ein denkmalgeschütztes Industriegebäude an der Palleskestraße, umzog.
In den letzten Jahren geriet der Betrieb allerdings wirtschaftlich stark unter Druck: Es gab mehrere Insolvenzen, zuletzt im Sommer 2022. Ende 2022 übernahm schließlich das Land Hessen die Vermögenswerte und einen Teil der Beschäftigten, um den Betrieb als Ausbildungsstätte der Hochschule für Gestaltung Offenbach fortzuführen. Die traditionsreiche Marke lebt also weiter, aber weniger als klassisches Verkaufsunternehmen denn als handwerklich-künstlerische Institution. Das erklärt auch, warum Sie im Netz auf teils veraltete oder umgeleitete Seiten stoßen. Ein wichtiger Hinweis, falls Sie Stücke kaufen oder eine Führung durch die Fertigung erleben möchten: Verlassen Sie sich nicht auf alte Adressen aus Reiseführern, sondern klären Sie vor Ort oder telefonisch, was aktuell tatsächlich möglich ist. Ein Souvenir aus echter Höchster Fertigung bleibt ein wunderbares, typisch regionales Mitbringsel – nur ist der Weg dorthin gerade nicht mehr so selbstverständlich wie früher.
Höchst drumherum: Schloss, Justinuskirche, Fachwerk
Das Schöne am Porzellan-Ausflug ist, dass er Sie in einen der überraschendsten Winkel Frankfurts führt. Höchst besitzt das größte geschlossene Fachwerk-Ensemble der Stadt, das im Zweiten Weltkrieg weitgehend verschont blieb, und lässt sich wunderbar zu Fuß erkunden. Ich empfehle jedem, den Porzellanbesuch mit einem Bummel durch die Höchster Altstadt zu verbinden – erst dann rundet sich der Tag.
In direkter Laufweite liegen einige der ältesten und schönsten Bauten der Region:
- Das Höchster Schloss: der markante Bau am Mainufer, einst kurmainzische Zoll- und Residenzburg, mit seinem weithin sichtbaren Turm. Er prägt die Silhouette am Wasser und ist der ideale Ausgangspunkt für den Blick über den Fluss.
- Die Justinuskirche: das älteste erhaltene Bauwerk Frankfurts überhaupt, eine karolingische Basilika aus dem 9. Jahrhundert – ein stiller, beeindruckender Raum.
- Der Bolongaropalast: ein prächtiger barocker Palast, den die italienischen Kaufmannsbrüder Bolongaro im 18. Jahrhundert errichten ließen; er gab der Straße vor dem Kronberger Haus ihren Namen.
- Das Mainufer: schöne Ausblicke, eine Fähre und ein netter Platz für eine Pause.
Wer solche Orte mag – Ecken, die die meisten Frankfurt-Besucher komplett verpassen –, findet in meiner Sammlung der Frankfurter Geheimtipps noch mehr davon.
Praktisches für Ihren Besuch
Anfahrt: Höchst liegt im Westen Frankfurts und ist am entspanntesten mit der S-Bahn zu erreichen. Mehrere Linien bringen Sie vom Hauptbahnhof in rund 15 Minuten zum Bahnhof Frankfurt-Höchst; von dort sind es wenige Gehminuten durch die Altstadt bis zum Kronberger Haus und zum Schloss am Wasser. Mit dem Auto ist die Anfahrt zwar möglich, in den engen Altstadtgassen ist Parken aber knapp – die Bahn erspart Ihnen die Sucherei.
Zeit einplanen: Für Porzellan, Altstadt und Justinuskirche sollten Sie einen halben Tag rechnen. Alles liegt beieinander, sodass Sie ohne Hetze von einem Ort zum nächsten schlendern können.
Vorab klären: Öffnungszeiten und Eintritt des Porzellanmuseums im Kronberger Haus sowie etwaige Verkaufs- oder Führungsangebote der Manufaktur unbedingt kurz vor dem Besuch prüfen – die Lage hat sich in den letzten Jahren mehrfach geändert.
Für wen es sich lohnt: Wer sich für Kunsthandwerk, Rokoko, Geschichte oder feine Handarbeit begeistert, findet in Höchst ein echtes Spezialthema. Und selbst wer mit Porzellan wenig anfangen kann, bekommt einen wunderbaren Anlass, diesen unterschätzten Stadtteil endlich einmal zu entdecken.
Für mich ist der Porzellan-Ausflug nach Höchst einer dieser Frankfurter Geheimtipps, die zeigen, wie viel Geschichte in dieser oft nur als Bankenstadt wahrgenommenen Metropole steckt. Zweitälteste Manufaktur Deutschlands, das „weiße Gold“ des 18. Jahrhunderts, ein Renaissance-Haus voller Rokoko-Figuren und drumherum das älteste Frankfurt überhaupt – das gibt es in dieser Dichte nirgends sonst in der Stadt. Nehmen Sie die S-Bahn, lassen Sie sich Zeit, und Sie werden Höchst mit anderen Augen verlassen.
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