Paulskirche Frankfurt: Wiege der Demokratie, Friedenspreis und was Sie drinnen sehen
Von außen ein nüchterner Rundbau aus rotem Sandstein, innen der Ort, an dem Deutschland zum ersten Mal über Grundrechte abgestimmt hat. Eine Frankfurterin erklärt, warum man die Paulskirche von unten nach oben erleben sollte – und was sich hier in den nächsten Jahren ändert.
Die Paulskirche ist das Gebäude, an dem Frankfurt-Besucher am häufigsten vorbeilaufen, ohne es zu merken. Sie liegt zwischen Römerberg und Hauptwache, ein ovaler Bau aus rotem Mainsandstein mit einem Turm und einem auffallend flachen Kupferdach, und neben dem Fachwerk der Neuen Altstadt wirkt sie fast verlegen schlicht. Dabei ist sie für die deutsche Geschichte wichtiger als jede andere Adresse der Stadt. Hier trat im Mai 1848 das erste frei gewählte gesamtdeutsche Parlament zusammen, hier wurde ein Katalog von Grundrechten beschlossen, der über Umwege im Grundgesetz gelandet ist. Und hier wird jeden Oktober der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verliehen.
Kirche ist die Paulskirche übrigens seit 1944 nicht mehr. Wer drinnen einen Altar sucht, sucht vergeblich. Was man stattdessen findet, ist einer der eigenwilligsten Räume der deutschen Nachkriegsarchitektur, und den erschließt man sich am besten, wenn man weiß, wie er gemeint ist.
Eine Kirche, die fast ein halbes Jahrhundert Baustelle war
Die Geschichte beginnt mit einem Abriss. 1786 wurde an dieser Stelle die mittelalterliche Barfüßerkirche abgetragen, damals die lutherische Hauptkirche Frankfurts, und 1789 begann der Neubau nach Plänen des Stadtbaumeisters Johann Friedrich Christian Hess. Fertig wurde er erst 1833. Dazwischen lagen die Koalitionskriege, Geldmangel und jahrelanger Stillstand; das Dach kam 1796, die Fenster 1802. Eingeweiht wurde die Kirche am 9. Juni 1833, den Namen Paulskirche bekam sie nur zwei Wochen vorher, weil man den alten Namen der Barfüßer für einen protestantischen Bau unpassend fand.
Das Besondere war von Anfang an die Form: ein Zentralbau, oval, mit einer umlaufenden Empore auf zwanzig Säulen. Rund 1.200 Menschen fanden oben Platz, über 500 unten. Genau diese Größe machte die Kirche 1848 interessant. Sie war schlicht der größte und modernste Saal der Stadt.
1848: Das erste deutsche Parlament in einem Kirchenraum
Im Frühjahr 1848 gärte es in ganz Europa. Die Menschen in den Staaten des Deutschen Bundes forderten Pressefreiheit, Mitbestimmung und einen gemeinsamen Staat, und in kurzer Zeit wurde ein Parlament gewählt, von einem Großteil der volljährigen Männer, wie die Stadt Frankfurt heute nüchtern festhält. Am 18. Mai 1848 zogen rund 600 Abgeordnete in die Paulskirche ein. Die Kanzel wurde verhüllt, die Orgel hinter einem großen Vorhang mit einer Germania versteckt, an die Stelle des Altars rückte der Präsidententisch.
Eine Anekdote, die ich besonders mag: Zwischen November 1848 und Januar 1849 musste die Nationalversammlung für rund vierzig Sitzungen in die reformierte Kirche am Kornmarkt umziehen, weil in der Paulskirche eine der ersten Zentralheizungen Deutschlands eingebaut wurde. Die Abgeordneten hatten den ersten Winter schlicht gefroren.
Im März 1849 lag eine Reichsverfassung mit Grund- und Bürgerrechten vor. Durchgesetzt wurde sie nie. Der preußische König lehnte die ihm angetragene Kaiserkrone ab, Aufstände zur Verteidigung der Verfassung wurden niedergeschlagen, und Ende Mai 1849 zog der Rest des Parlaments nach Stuttgart, wo es kurz darauf aufgelöst wurde. Gescheitert, ja. Aber die Grundrechte von 1849 wurden zum Vorbild für die Weimarer Verfassung und das Grundgesetz, und deshalb ist dieser Bau bis heute das, was John F. Kennedy am 25. Juni 1963 in seiner Rede hier sinngemäß sagte: das Gebäude mit dem besten Anspruch darauf, Wiege der deutschen Demokratie genannt zu werden.
1944 ausgebrannt, 1948 als „Haus aller Deutschen“ zurück
Am 18. März 1944 brannte die Paulskirche nach einem Luftangriff vollständig aus. Was danach geschah, ist eine der erstaunlichsten Geschichten des Wiederaufbaus. Frankfurt hoffte damals, Hauptstadt eines neuen Weststaats zu werden, und die Paulskirche sollte rechtzeitig zum hundertsten Jahrestag der Nationalversammlung wiederstehen. Oberbürgermeister Walter Kolb erklärte sie zur gesamtdeutschen Aufgabe und bat um Spenden aus allen Besatzungszonen. Es kamen drei Eisenbahnwaggons Bauholz aus Thüringen, Leder für die Stuhlbezüge aus Offenbach und sogar 10.000 Mark von der SED. Grundsteinlegung war am 17. März 1947, zusammen mit der Friedrich-Ebert-Siedlung im Gallus, damit niemand sagen konnte, die Stadt baue Symbole statt Wohnungen. Am 18. Mai 1948 wurde die Paulskirche wiedereröffnet.
Den Wiederaufbau leitete der Kölner Kirchenbaumeister Rudolf Schwarz, und er entschied sich gegen eine Rekonstruktion. Die Außenmauern blieben, das hohe Kuppeldach kam nicht zurück, die Emporen auch nicht. Schwarz wollte einen bewusst kargen Raum, der den schweren Weg nach dem Krieg sichtbar macht. Über diesen Entwurf wird bis heute gestritten. Ich finde ihn großartig.
Von unten nach oben: So erleben Sie den Raum richtig
Der Trick der Paulskirche liegt in ihrer Anordnung, und die meisten Besucher bemerken ihn gar nicht. Sie betreten das Gebäude durch den Turm und stehen zuerst in der Wandelhalle: nur etwa vier Meter hoch, gedrungen, dämmrig, mit einem Kranz aus Marmorsäulen. Von dort führen zwei Treppen an der geschwungenen Wand entlang nach oben, und dann öffnet sich der Plenarsaal, rund 28 Meter hoch, hell, fast leer. Die Stadt selbst beschreibt diesen Weg vom Dunkel ins Licht als zentralen Entwurfsgedanken von Schwarz. Gehen Sie deshalb unbedingt zuerst unten herum und dann hinauf, nicht umgekehrt.
Unten wartet das Stück, das ich jedem Besucher ans Herz lege: „Der Zug der Volksvertreter“ von Johannes Grützke, ein Wandbild von 32 Metern Länge und drei Metern Höhe, das sich um die Innenwand der Wandelhalle zieht. Grützke hat es von 1989 bis 1991 in Berlin gemalt, enthüllt wurde es am 16. April 1991. Im Vordergrund steht das Volk in bunten, allegorischen Figuren, dahinter ziehen die Abgeordneten in Grau und Schwarz vorbei, einem Ziel entgegen, das man nicht sieht. Suchen Sie nach dem erschossenen Robert Blum, einem der wenigen direkten Bezüge auf ein historisches Ereignis. Man kann dieses Bild lieben oder hassen, aber man vergisst es nicht.
In der Wandelhalle läuft außerdem die Ausstellung zur Geschichte der Paulskirche, die 2022 neu eröffnet wurde: Baugeschichte, Nationalversammlung, die Reden der Nachkriegszeit und ein Ausblick auf die Zukunft des Ortes. Sie ist digital angelegt und komplett auch online abrufbar, was praktisch ist, wenn Sie nach dem Besuch etwas nachlesen möchten.
Oben im Saal ist der einzige Wandschmuck eine Reihe von Flaggen: die der Bundesrepublik, der sechzehn Länder und der Stadt Frankfurt. Die Bestuhlung erinnert eher an eine Aula als an eine Kirche. Setzen Sie sich ruhig ein paar Minuten hin. Wenn der Raum leer ist, ist er erstaunlich still.
Rund um den Bau: Ebert, Kennedy und das Mahnmal
Nach dem Besuch lohnt eine langsame Runde außen um die Kirche, denn an der Fassade hängt ein halbes Geschichtsbuch. An der Ostseite des Turms steht das Denkmal für Friedrich Ebert, den ersten Reichspräsidenten; Richard Scheibe hat es 1950 neu geschaffen, nachdem die Nationalsozialisten das Original 1933 entfernt hatten. An der Nordostseite erinnert eine Relieftafel von 1966 an Kennedys Besuch. Am nordwestlichen Treppenturm steht seit 1964 das Mahnmal für die Opfer des Nationalsozialismus von Hans Wimmer, auf dessen Sockel die Namen der Konzentrationslager eingemeißelt sind. Weitere Tafeln gelten Heinrich von Gagern, dem Präsidenten der Nationalversammlung, und Carl Schurz.
Und wer an bestimmten Tagen das große Frankfurter Stadtgeläut hört: Die Paulskirche ist mit ihrer über achteinhalb Tonnen schweren Bürgerglocke von 1987 dabei, sie hat nach dem Dom das zweitgrößte Geläut der Stadt. Die Bürgerglocke erinnert an die Verkündung der Grundrechte durch die Nationalversammlung.
Öffnungszeiten, Eintritt und Anfahrt
Die Paulskirche ist täglich von 10 bis 17 Uhr geöffnet, der Eintritt ist frei (Stand 2026). Besichtigen können Sie die Ausstellung in der Wandelhalle und den großen Saal; der Turm und die übrigen Räume sind nicht zugänglich. Wichtig: Für Veranstaltungen wird das Haus zeitweise ganz geschlossen, und bei Festakten wie dem Friedenspreis ist ein Besuch am selben Tag ausgeschlossen. Für einen barrierefreien Zugang melden Sie sich am Haupteingang beim Personal, das Sie zum Aufzug an der Rückseite des Gebäudes begleitet.
Die Adresse ist schlicht Paulsplatz, 60311 Frankfurt. Mit der U4 oder U5 fahren Sie bis Dom/Römer, mit den Straßenbahnen 11, 12 und 14 bis Römer/Paulskirche; von der S-Bahn-Station Hauptwache sind es rund zehn Minuten zu Fuß. Wer mit dem Auto aus dem Umland kommt, fährt in die Innenstadt meist schlechter als mit der Bahn; die Alternative sind die Park-and-Ride-Anlagen rund um Frankfurt mit RMV-Anschluss, von denen aus Sie ohne Parkplatzsuche direkt am Römer ankommen. Für die Besichtigung selbst reichen 45 Minuten bis eine Stunde, wenn Sie die Ausstellung gründlich lesen.
Der Friedenspreis: jeden Oktober am Buchmesse-Sonntag
Seit 1951 wird in der Paulskirche der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verliehen, traditionell am Sonntag der Buchmesse. 2026 ist das der 11. Oktober, Preisträger ist der französisch-britische Jurist und Autor Philippe Sands. Der Stiftungsrat würdigt ihn als eine der wichtigsten intellektuellen Stimmen der Gegenwart; die Laudatio hält die Historikerin Mirjam Zadoff, Direktorin des NS-Dokumentationszentrums München. Die ARD überträgt den Festakt ab 10.45 Uhr live, der Preis ist mit 25.000 Euro dotiert. Wer Sands noch nicht kennt: Sein Buch „Rückkehr nach Lemberg“ über die Ursprünge der Begriffe Völkermord und Verbrechen gegen die Menschlichkeit ist ein guter Einstieg.
Der Saal ist klein und der Festakt ein Fernsehereignis – für die meisten Besucher ist deshalb die Live-Übertragung der realistische Weg, dabei zu sein. Trotzdem lohnt es sich, an diesem Vormittag in der Nähe zu sein, denn rund um den Paulsplatz spürt man, dass die Buchmesse mehr ist als ein Handelsplatz. Wie Sie die übrigen Messetage als Privatbesucher angehen, habe ich im Guide zur Frankfurter Buchmesse 2026 aufgeschrieben.
Ein praktischer Hinweis für diese Woche: Frankfurter Hotels sind während der Buchmesse knapp und teuer, und viele Gäste weichen nach Mainz oder Wiesbaden aus. Wie weit das tatsächlich ist, zeigt die Strecke Frankfurt–Mainz mit Fahrzeit und Taxi-Richtwert; und wer von Wiesbaden aus fliegt, findet dort eine Übersicht, wie man von Wiesbaden am günstigsten zum Flughafen Frankfurt kommt.
Baustelle Zukunft: Sanierung und Haus der Demokratie
Über die Zukunft der Paulskirche wird seit Jahren diskutiert, und in vielen Texten liest man, die Sanierung habe schon begonnen. Das stimmt nur halb. Begonnen hat im Frühjahr 2026 die Planung: Ende April 2026 hat die Stadt ein Planungsteam unter Führung des Frankfurter Büros Wandel Lorch Götze Wach beauftragt. Vorbereitet werden soll eine denkmalgerechte Gesamtsanierung der Natursteinfassade, des Kupferdachs mit dem Oberlicht und der Oberflächen innen, dazu neue Haus-, Licht-, Ton- und Veranstaltungstechnik, ein neuer Aufzug, eine angepasste Bestuhlung mit Rollstuhlplätzen und mehr Barrierefreiheit. Die Form von 1948 bleibt; eine Rückkehr zum Kuppeldach ist seit 2019 vom Tisch. Einen offiziellen Termin für den Baubeginn oder eine Schließung hat die Stadt bis heute nicht veröffentlicht. Stand September 2026 ist die Paulskirche ganz normal geöffnet.
Daneben soll ein Haus der Demokratie entstehen, in direkter Nähe und als Ergänzung, nicht als Ersatz: ein Ort für politische Bildung, Ausstellungen und Debatten, für den die Paulskirche selbst das „Hauptexponat“ ist. Die Stadtverordneten haben das 2019 grundsätzlich beschlossen, ein Ideenwettbewerb brachte zehn prämierte Entwürfe, und im August und September 2025 haben sich mehr als 2.000 Bürgerinnen und Bürger an der Diskussion beteiligt. Einen klaren Favoriten gab es nicht. Am 5. März 2026 haben die Stadtverordneten den Planungsstart für die Realisierungswettbewerbe beschlossen. Presseberichte aus dem vergangenen Jahr nannten für das Haus der Demokratie einen Baubeginn ab 2028/29 und rund fünf Jahre bis zur Fertigstellung des ganzen Ensembles; verbindlich ist davon noch nichts. Wer die Paulskirche in ihrem jetzigen Zustand sehen will, sollte also nicht allzu lange warten, aber auch nicht glauben, sie sei geschlossen.
Mein Vormittag rund um den Paulsplatz
Wenn Freunde nur einen Vormittag in der Altstadt haben, schicke ich sie gegen zehn Uhr zuerst in die Paulskirche, solange es dort noch ruhig ist: unten Grützke und die Ausstellung, oben fünf Minuten auf den Stühlen, draußen die Runde um die Tafeln. Danach sind es wenige Minuten über den Römerberg zum Dom, wo die Könige gewählt wurden, deren Reich die Abgeordneten von 1848 neu ordnen wollten. Was Sie dort sehen sollten und ob sich die 328 Stufen hinauf lohnen, steht in meinem Beitrag über den Kaiserdom und seinen Turm. Die Schirn gleich nebenan steckt übrigens hinter Gerüsten; ihr Programm läuft bis etwa 2028 in einer alten Druckerei in Bockenheim, Frankfurts früherem Uni-Viertel.
Wer im Advent kommt, erlebt den Paulsplatz ganz anders: Dann gehört er zum Weihnachtsmarkt, der 2026 vom 23. November bis zum 22. Dezember läuft, und die Stände reichen bis an die Kirchenmauern. Welche Ecken des Marktes ich am liebsten mag, habe ich im Weihnachtsmarkt-Guide aufgeschrieben. Und falls Ihr Rückflug am selben Tag geht: Wie viel Zeit Sie am Terminal wirklich einplanen müssen, erklärt ein nüchterner Leitfaden zum Abflug in Frankfurt; von der Hauptwache ist die S-Bahn zum Flughafen schnell erreicht.
Die Paulskirche macht es einem nicht leicht. Sie hat keine Schatzkammer und keinen Aussichtsturm, und wer nur schnell ein Foto will, ist in zwei Minuten wieder draußen. Wer sich aber eine Stunde nimmt, unten beginnt und oben ankommt, versteht an kaum einem anderen Ort in Deutschland so unmittelbar, wie mühsam der Weg zur Demokratie war, und wie schlicht der Raum aussieht, den man ihr nach 1945 gebaut hat.
Weiterlesen
Sehenswürdigkeiten
Kaiserdom Frankfurt: Wahlkapelle, Domturm mit 328 Stufen und Dommuseum
Der Frankfurter Kaiserdom St. Bartholomäus, wo Könige gewählt und Kaiser gekrönt wurden: was Sie drinnen sehen sollten, Öffnungszeiten und Preise für den Domturm (66 Meter, 328 Stufen), das Dommuseum im Kreuzgang und die Türmerstube (Stand 2026).
Sehenswürdigkeiten
Caricatura Museum Frankfurt: Komische Kunst am Weckmarkt
Cartoons, Karikaturen und die Neue Frankfurter Schule im Leinwandhaus: Öffnungszeiten, Eintritt (8/4 Euro), Highlights und Tipps für Ihren Besuch im Caricatura Museum Frankfurt.
Sehenswürdigkeiten
Historisches Museum Frankfurt: Saalhof, Highlights & Tickets
Das Historische Museum Frankfurt am Saalhof: der staufische Altbau und der Neubau von 2017, das Altstadtmodell der Brüder Treuner, die Schneekugel, das Junge Museum sowie aktuelle Preise und Öffnungszeiten (Stand 2026).
Sehenswürdigkeiten
Archäologisches Museum Frankfurt: Tickets, Highlights & Tipps
Das Archäologische Museum Frankfurt in der gotischen Karmeliterkirche: römische Funde aus NIDA, Mithras-Reliefs, die Ratgeb-Fresken, die Silberinschrift – plus aktuelle Preise, Öffnungszeiten und Tipps einer Einheimischen.