Klassikstadt Frankfurt: Oldtimer-Erlebniswelt in Fechenheim
Über 16.000 Quadratmeter Oldtimer-Kultur in einer denkmalgeschützten Fabrikhalle von 1910: verglaste Einstellboxen, arbeitende Werkstätten und ein Restaurant – und das Bummeln kostet keinen Eintritt.
Frankfurt kennt man für Bankentürme, Museumsufer und Apfelwein – dass ausgerechnet im östlichen Stadtteil Fechenheim eine der schönsten Oldtimer-Adressen Deutschlands liegt, ahnen die wenigsten Besucher. Die Klassikstadt ist keine Museumsvitrine, sondern eine lebendige Halle, in der täglich an klassischen Automobilen geschraubt, gehandelt und gefachsimpelt wird. Ich bin selbst keine Schrauberin, und trotzdem verbringe ich hier gern einen Nachmittag: wegen der wuchtigen Backsteinarchitektur, wegen des Geruchs nach Motoröl und frisch gebrühtem Kaffee – und wegen der angenehmen Tatsache, dass das Bummeln keinen Cent kostet.
Vom Landmaschinenwerk zur Oldtimer-Halle
Bevor hier der erste Oldtimer parkte, wurden an der Orber Straße Landmaschinen gebaut. Die monumentale Fabrikhalle entstand 1910 für die Landmaschinenfabrik Mayfarth – ein massiver Backsteinbau mit hohen Rundbogenfenstern, wie man ihn im Rhein-Main-Gebiet nur noch selten so vollständig erhalten findet. Das Gebäude hat ein bewegtes Jahrhundert hinter sich: Es überstand beide Weltkriege unbeschadet, diente zwischenzeitlich der Bundesdruckerei zum Druck der 50-D-Mark-Scheine und beherbergte später sogar das Uniformlager des Bundeszolls. Heute ist es ein offizieller Punkt auf der Route der Industriekultur Rhein-Main.
Nach einer rund zweijährigen Umbauphase eröffnete an dieser Stelle im November 2010 die Klassikstadt. Aus der stillgelegten Fabrik wurde eine „Erlebniswelt” für historische Fahrzeuge, ohne dass der industrielle Charakter dabei verloren ging – im Gegenteil. Genau diese Spannung, wenn die rohe, hallenhohe Fabrikarchitektur auf hochglanzpolierten Lack trifft, macht für mich den ganz eigenen Reiz des Ortes aus. Wer Frankfurts andere Seite abseits der Skyline sucht, wird hier fündig; in meiner Sammlung der Frankfurter Geheimtipps steht die Klassikstadt entsprechend weit oben.
Die Boxengasse: Oldtimer hinter Glas
Das eigentliche Herzstück liegt im zweiten Obergeschoss. Dort zieht sich die sogenannte Boxengasse durch das Gebäude – ein langer Gang, gesäumt von verglasten Einstellboxen, in denen Besitzer ihre Schätze einlagern und zugleich wie in einem Schaufenster zur Schau stellen. Hinter dem Glas stehen elegante Sportwagen neben biederen Limousinen der Wirtschaftswunderjahre, ein Vorkriegsklassiker neben einem knallroten Roadster. Jede Box ist anders eingerichtet: Manche wirkt nüchtern wie ein Tresor, andere sind liebevoll wie ein kleines Wohnzimmer möbliert, mit Teppich, alten Emailschildern und einer Vitrine voller Werkzeug.
Weil fast alle Fahrzeuge in Privatbesitz sind, wechselt die Zusammensetzung ständig – kein Besuch gleicht dem anderen. Nehmen Sie sich für diesen Rundgang bewusst Zeit und bleiben Sie an jeder Box kurz stehen. Man muss kein Kenner sein, um zu spüren, wie viel Zuneigung in diesen Autos steckt; oft verrät schon die Deko in der Box mehr über den Besitzer als jedes Typenschild. Für mich ist die Boxengasse der stimmungsvollste Teil des ganzen Hauses – hier möchte ich am liebsten heimlich in jede zweite Box einziehen.
Wo geschraubt und gehandelt wird
Anders als in einem Museum sind die Werkstätten hier keine Kulisse, sondern arbeitende Betriebe. Seit der Eröffnung haben sich über 40 Unternehmen in der Klassikstadt angesiedelt (Stand 2026): spezialisierte Restaurationswerkstätten, Ersatzteil- und Fahrzeughändler, Fachleute für Reifen und Lack, Dienstleister rund um Wartung und Pflege, eine TÜV-Prüfstelle und sogar Anbieter, die Klassiker stunden- oder tageweise vermieten. Durch die offenen Werkstatttore dürfen Sie den Mechanikern über die Schulter schauen und beobachten, wie viel Handarbeit in der Zerlegung, dem Aufbau und der Politur eines historischen Automobils steckt.
Das macht die Klassikstadt zu einem der wichtigsten Treffpunkte der deutschen Oldtimer-Szene. Wer selbst einen Klassiker sucht oder verkaufen möchte, findet hier gebündelt Ansprechpartner unter einem Dach – vom Restaurator über den Sattler bis zum Händler. Und wer, wie ich, einfach nur zuschaut, nimmt das ehrliche Handwerk und die Begeisterung der Leute als das eigentliche Souvenir mit nach Hause.
Mittagspause in der Werkskantine
Wenn der Rundgang hungrig gemacht hat, führt der Weg fast von selbst in „Die Werkskantine”, das Restaurant im Haus. Der Name ist Programm: In der historischen Backsteinkulisse wird bodenständig, aber mit Anspruch gekocht – Frankfurter Klassiker, Fleisch aus eigener Metzgerei, Gegrilltes vom Prime Beef und hausgebackene Kuchen. Rund 120 Plätze verteilen sich auf Lounge, Restaurant und Clubraum; bei gutem Wetter sitzt man draußen auf der großen Terrasse zum Innenhof, mitten im automobilen Treiben. Geöffnet ist die Werkskantine montags bis samstags von 11 bis 23 Uhr und sonntags von 11 bis 18 Uhr (Stand 2026). Für den Mittagstisch am Wochenende oder eine größere Runde reservieren Sie besser vorab – das erspart Ihnen die Wartezeit, wenn gerade ein Treffen läuft.
Clubtreffen, Feiern und der Automarkt
Die Klassikstadt lebt von ihren Veranstaltungen. Das denkmalgeschützte Areal ist eine gefragte Eventlocation für bis zu 750 Gäste und wird für alles vom Firmenevent bis zur Hochzeit gebucht. Für Autofans spannender sind aber die regelmäßigen Clubtreffen, die markenspezifischen Events und saisonalen Höhepunkte wie der Oldtimer-Weihnachtsmarkt in der geschmückten Halle. Bei offenen Treffen rollen an manchen Wochenenden Dutzende private Klassiker auf den Hof, und Besucher dürfen teils ihr eigenes Schätzchen mitbringen – dann verwandelt sich das ganze Gelände in eine einzige, dampfende Kaffee-und-Chrom-Ausstellung.
An solchen Event-Tagen ist der Ort am lebendigsten, und er eignet sich hervorragend für einen Ausflug in größerer Runde. Wenn Sie ohnehin Gesellschaft suchen, finden Sie in Frankfurt mit Freunden weitere Ideen für einen gemeinsamen Tag. Neben den großen Terminen gibt es außerdem geführte Touren durchs Haus, einen Automarkt für den Kauf und Verkauf sowie Coworking-Flächen – die Klassikstadt ist eben weit mehr als eine Ausstellung.
Öffnungszeiten, Eintritt und die beste Besuchszeit
Das Beste zuerst: Der Eintritt ist frei. Sie können die Ausstellungsflächen und die Boxengasse ohne Ticket und ohne Anmeldung erkunden – ein Angebot, das man in Frankfurt für einen solchen Ort selten findet. Geöffnet ist die Klassikstadt montags bis samstags von 10 bis 20 Uhr und sonntags von 10 bis 18 Uhr (Stand 2026). Für einzelne Sonderveranstaltungen können abweichende Zeiten und teils eigene Eintrittspreise gelten; werfen Sie deshalb vor der Anreise kurz einen Blick auf den Veranstaltungskalender auf klassikstadt.de, wenn Sie gezielt zu einem Event kommen möchten.
Mein Tipp zur Uhrzeit: Kommen Sie unter der Woche am späten Vormittag, dann haben Sie die Boxengasse fast für sich und können in Ruhe schauen. An Event-Wochenenden ist deutlich mehr Betrieb – dafür sehen Sie dann Autos, die tatsächlich fahren und nicht nur hinter Glas stehen. Und weil nahezu das gesamte Areal überdacht ist, eignet sich die Halle bestens als Ziel für einen verregneten Tag, an dem draußen ohnehin nichts geht.
So kommen Sie nach Fechenheim
Die Klassikstadt liegt in der Orber Straße 4a, 60386 Frankfurt am Main, im Osten der Stadt. Fechenheim ist nicht ganz so zentral wie die Innenstadt, aber ordentlich angebunden. Mit den Öffentlichen nehmen Sie am besten die Straßenbahnlinie 11, die von Höchst quer durch die Stadt bis zur Endhaltestelle Fechenheim Schießhüttenstraße fährt; das angrenzende Industriegebiet wird zusätzlich von der Linie 12 erschlossen, dazu kommen mehrere Buslinien. Aus Richtung Osten bzw. Hanau halten die Regionalbahnen RB 54 und RB 58 am Bahnhof Frankfurt-Mainkur am Rand des Stadtteils. Mit dem Auto ist die Halle – passend zum Thema – über die umliegenden Ausfallstraßen und die nahe Autobahn gut erreichbar, und Parkplätze gibt es direkt vor Ort. Die genaue Verbindung ab Ihrem Startpunkt prüfen Sie am besten kurz bei der RMV-Auskunft, da sich Linien und Takte ändern können.
Die Klassikstadt ist kein Pflichtprogramm wie der Römer oder das Städel – und genau das macht sie so sympathisch. Wer Frankfurt schon von seiner touristischen Seite kennt und die großen Top-Highlights der Stadt längst abgehakt hat, findet hier das perfekte Kontrastprogramm: kein Eintritt, keine Warteschlange, dafür Motoröl in der Luft und ein Stück Frankfurter Industriegeschichte unter einem Dach mit blitzenden Klassikern. Nehmen Sie sich einen ruhigen Nachmittag, lassen Sie sich in der Boxengasse treiben und gönnen Sie sich anschließend Kaffee und Kuchen in der Werkskantine – und Sie werden verstehen, warum selbst Nicht-Autofans wie ich hier immer wieder vorbeischauen.
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